Video: Anomische Einstellungen im sozialen Kontext – Sozialräumliche und sozio–ökonomische Ursachen sozialer Desintegration. Von Jonas Aljoscha Weik

Gegenstand des Vortrags ist die Untersuchung individuell erlebter sozialer Desintegration und deren sozialstruktureller und sozialräumlicher Ursachen. Hierfür werden empirische Ergebnisse analysiert, die mit ALLBUS-Daten erarbeitet wurden. Die Forschungsarbeit knüpft an Anomie–Theorien und Untersuchungen zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit an.


Der Vortrag stellt empirische Untersuchungen zu subjektiv empfundener sozialer Desintegration in der Bundesrepublik vor. Es wird analysiert inwiefern sozialstruktureIl ungleiche Lebenslagen Empfindungen sozialer Entfremdung und Normlosigkeit (anomische Einstellungen) Vorschub leisten und sich somit (neue) Grenzen durch die Bevölkerung ziehen. Mit einem Mikro–Makro–Modell wird untersucht, wie sich die individuelle sozialstrukturelle Position einer Person und Merkmale des sozialen Kontexts auf anomische Einstellungen des Individuums auswirken.

Die durchgeführten empirischen Untersuchungen greifen auf die theoretischen Überlegungen zu Anomie von Robert K. Merton (1957; 1964) und Leo Srole (1956) zurück und knüpfen an die umfangreichen Ergebnisse der Forschungsgruppe um Wilhelm Heitmeyer (2002-2012) an. Im Forschungsstand zeigt sich bislang, dass sozio–ökonomische Benachteiligung und relative Deprivation das Erleben von sozialer Desintegration bestärken. Uneindeutig ist jedoch, wie sich Merkmale des sozialen Kontexts, etwa die Arbeitslosigkeit in einer Gegend, auf anomische Einstellungen auswirken. Die durchgeführten Analysen beziehen daher Kontextebenen in die empirische Untersuchung mit ein und liefern umfassende Ergebnisse, die in dieser Form bislang im Forschungsstand fehlen.

Als methodisches Vorgehen wird ein quantitativ–empirischer Zugang gewählt. Auf Basis der Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) wurden multivariate OLS-Regressionen sowie Gruppenvergleiche zur Untersuchung der Einflüsse durch individuelle Merkmale und Merkmale sozialräumlicher Kontexte (Wohnumgebungen und Landkreise) durchgeführt.

Bisherige Ergebnisse konnten bestätigen, dass die Stärke anomischer Einstellungen in signifikantem Maße von niedrigem sozialem Status und insbesondere Deprivationserfahrungen beeinflusst wird. Darüber hinaus wird soziale Desintegration verstärkt in ökonomisch benachteiligten Umgebungen wahrgenommen, was eine Segregation von einzelnen Sozialräumen verdeutlicht. Ein neuer Befund stellt dar, dass Personen, die aufgrund ihres niedrigen Status in besonderer Diskrepanz zu ihrer statushohen Umgebung stehen, verstärkt soziale Entfremdung und Isolation erleben. Anhand der empirischen Ergebnisse lässt sich diskutieren, wieweit sich sozialstrukturelle Ungleichheiten zunehmend verräumlichen und ökonomische Grenzziehungen ein inklusives Zusammenleben in Frage stellen.

Literatur

  • Heitmeyer, W. (2002-2012). Deutsche Zustände. Folge 1 bis 10. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Hövermann, A. (2013). Anomia. Normlosigkeit und Vorurteile im lokalen Kontext. in: A. Grau & W. Heitmeyer, Hrsg., Menschenfeindlichkeit in Städten und Gemeinden, Weinheim, Basel: Beltz Juventa Verlag, S. 132–149.
  • Legge, S. (2010). Abweichendes Verhalten, Vorurteile und Diskriminierung. Zur theoretischen und empirischen Erklärungskraft ausgewählter Anomietheorie. Bielefeld: Universität Bielefeld.
  • Merton, R.K. (1995 [1957]). Soziologische Theorie und soziale Struktur. Berlin: De Gruyter.
  • Merton, R.K. (1964). Anomie, Anomia and Social Interaction. Contexts of deviant behavior. in: M.B. Clinard, Hrsg., Anomie and deviant behavior. A discussion and critique, New York: Free Press of Glencoe, S. 213–242.
  • Srole, L. (1956). Social Integration and Certain Corollaries. An Exploratory Study. American
    Sociological Review
    , 21(6), S. 709–716.

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