Video: Aktualisierung der Kategorie ‚Geistige Behinderung‘ im Feld der Leichten Sprache. Von Annelen Fritz

Im Vortrag wird „geistige Behinderung“ als sozial hergestellte Kategorie in den Blick genommen. Das Feld der „Leichten Sprache“ – ein Konzept barrierefreier Kommunikation – wird hierfür als Untersuchungsort gewählt. Die konkreten sprachlichen und performativen Praktiken der Herstellung von Leichter Sprache werden in den Blick genommen, um ausgehend davon auf abstraktere „Bilder“ geistiger Behinderung zu schließen, welche diesen Praktiken zugrunde liegen und auf welche im Feld zurückgegriffen wird.


„Leichte Sprache“ ist ein Konzept zur Vereinfachung von Sprache, das intendiert, barrierefreie Kommunikation zu ermöglichen. Hierzu wird ein Regelkatalog verwendet, der die Übersetzungsregeln von Standard- in Leichte Sprache festlegt.

Seine Ursprünge hat das Konzept der Leichten Sprache innerhalb der Selbstvertreter*innenbewegung von „Menschen mit Lernschwierigkeiten“, die gemeinhin als Menschen mit „geistiger Behinderung“ etikettiert und auch als deren primäre Anspruchsgruppe benannt werden.

Der alltagsweltlich verwendete Begriff der „geistigen Behinderung“ ist sehr unscharf, hat aber radikale Konsequenzen für die so bezeichneten Subjekte. Klassifikationen zur Diagnose variieren über Zeit und nationale Grenzen, sorgen aber recht zuverlässig für die Zuweisung der so Diagnostizierten in ein „Sondersystem“.

In meiner Arbeit, die im Rahmen meiner Masterarbeit an der Uni Heidelberg entsteht, schließe ich mich der Perspektive der interdisziplinär angelegten Disability Studies an, wonach es sich bei „Behinderung“ um eine sozial konstruierte Kategorie, ein Ergebnis sozialer und kultureller Ausschließungs-, Grenzziehungs- und Unterdrückungsmechanismen und eben nicht Ausdruck medizinischer Pathologie handelt (vgl. Waldschmidt 2005). Innerhalb den Disability Studies lässt sich ein Fokus auf die Herstellung von Behinderung in Bezug auf körperliche Normabweichungen feststellen, in meiner Masterarbeit möchte ich mich jedoch dem Phänomen der Herstellung von „geistiger Behinderung“ nähern.

Im Zentrum der Arbeit steht die Frage, welches „Bild“, welche latenten Vorstellungen im Feld der Leichten Sprache über die Zielgruppe der Menschen mit „geistiger Behinderung“ (re–)produziert werden, um Leichte Sprache für die Anspruchsgruppe machen zu können – einer Zielgruppe, die sich durch eine Kategorie manifestiert, die so unscharf ist, dass sie theoretisch nur wenig Orientierungswissen bieten kann. Welche Fähigkeitsgrenzen und Einschränkungen, welche Bedarfe und Interessen werden von den Übersetzenden implizit mitgedacht, wenn überlegt wird, welche Texte wie übersetzt werden sollen? Welche Merkmale werden für die Zuschreibung „geistig behindert“ relevant gemacht? Wie und wo werden die Grenzen dieser Kategorie gezogen? Um mich diesen Fragen anzunähern, möchte ich konkrete Praktiken der Herstellung von Leichter Sprache in den Blick nehmen und beschreiben, um ausgehend davon auf abstraktere „Bilder“ von Behinderung zu schließen, welche diesen Praktiken zugrunde liegen.

Mit praxistheoretischer Brille also soll der Fokus auf die Herstellung, Aufrechterhaltung, Irrelevantmachung und Ausfüllung der diffusen Kategorie „geistige Behinderung“ durch sprachliche und performative Praktiken gelegt werden. Dieser Vorgehensweise liegt die Annahme zugrunde, dass Praktiken implizites Wissen zugrunde liegt. Dieses implizite Wissen möchte ich explizit machen, um an ein tieferliegendes „Bild“ von geistiger Behinderung zu gelangen, auf welches im Feld der Leichten Sprache zurückgegriffen wird.

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