Soziologie meets Wirtschaftswissenschaft

Interdisziplinärer Eindruck – Peter Ewert, M.Sc.

Frei nach unserem Motto „Grenzenlos leben – Interdisziplinär denken“ haben wir Nachwuchswissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen gebeten, mit uns ihre Gedanken und Eindrücke des Kongresses zu teilen. Peter Ewert ist Wirtschaftswissenschaftler und arbeitet am Centrum für Entrepreneurship und Transfer an der TU Dortmund.


Es könnte überraschen: Als „fachfremder“ Wirtschaftswissenschaftler habe ich am 7. Studentischen Soziologiekongress teilgenommen. Zwar würde ich meine wissenschaftlichen Interessen als durchaus vielseitig beschreiben, jedoch hat es mich als wissenschaftlicher Mitarbeiter bisher nur auf Konferenzen meiner eigenen Disziplinen verschlagen. Daher war ich gespannt, was mich erwartet. Bis dato hatte ich keine Vorstellung davon, wie invasiv die soziologische Forschung Prozesse, Strukturen und Kräfte von Gesellschaften [1] analysiert. Selten wurde mir die Notwendigkeit einer interdisziplinären Herangehensweise an gesellschaftliche Probleme so prägnant vor Augen geführt. Deswegen bin ich dankbar für die Gelegenheit, einige Eindrücke und Gedanken in Folge offenzulegen.

Vielseitigkeit der Soziologie

Ein Blick in das Programm des Kongresses offenbart: Die Forschung und Lehre der Soziologie ist vielseitig. Das mag zunächst wie eine Plattitüde klingen. Jedoch ist der Nachweis einer vielschichtigen „Erklärungskraft“ neben dem Nachweis guter wissenschaftlicher Arbeit in den Sozialwissenschaften wichtiger denn je. Diese Annahme gründet sich auf einer beunruhigenden Beobachtung: Besonders durch den Aufstieg sozialer Medien steigt die Popularität von „Ad-Hoc-Schlussfolgerungen“ in verschiedensten Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ich möchte behaupten, dass den daraus entstehenden schädlichen Einflüssen durch eine wissenschaftliche Aufklärung entgegengewirkt werden sollte [2]. Denn zu diesen schädlichen Einflüssen zähle ich fundamentale Probleme: Zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen, auch die Sozialwissenschaften, werden mit Vorwürfen konfrontiert, „unwissenschaftlich“ zu sein und Themen zu bearbeiten, die fernab von etwaigen relevanteren Problematiken zu verorten sind [3]. Durch eine vielseitige Reflektion und wissenschaftliche Aufarbeitung sowie eine Förderung der Sichtbarkeit von Ergebnissen, können solche Vorwürfe wohlmöglich entkräftet werden. Institutionen, wie der „Studentische Soziologiekongress“ leisten hierbei einen nicht zu unterschätzenden Beitrag.

Lasst euch nicht Verstauben

Dass auf dem 7. Studentischen Soziologiekongress vornehmlich studentische Arbeiten präsentiert wurden, ist aus zwei Gründen zu befürworten. Erstens tragen solche Präsentationen zu einer Konservierung von Wissen bei, das ohne eine solche Gelegenheit in Form von Seminar- oder Abschlussarbeiten in den Archiven von Universitäten „verstaubt“ und daher verloren geht. Zweitens ermöglichen solche Gelegenheiten eine frühzeitige Professionalisierung von wissenschaftlichen Präsentationen, die sich Studierende ansonsten, wenn überhaupt, nur unter „Laborbedingungen“ in Seminaren aneignen können. Insofern sehe ich die Präsentation wissenschaftlicher Ergebnisse und die kritische Auseinandersetzung mit einem öffentlichen Publikum als wertvollen Bestandteil einer akademischen Ausbildung.

Aufgrund der bereits angesprochenen Vielseitigkeit der Vorträge bzw. wissenschaftlichen Arbeiten, fällt es mir schwer, alle Aspekte zu erfassen, in denen ich einen persönlichen oder „beruflich-wissenschaftlichen“ Wert sehe. Dennoch möchte ich zumindest in knapper Weise auf zwei Vorträge eingehen.

Die vereinbarkeit von Familie und Beruf

Als Wirtschaftswissenschaftler werde ich regelmäßig mit der Problematik generischer ökonomischer Normative, wie dem Ziel der Gewinnmaximierung, konfrontiert. Es wäre vermessen, insbesondere die Betriebswirtschaftslehre, auf ein Mittel zum Zweck der Gewinnerzielung von Unternehmen zu reduzieren. Gesellschaftliche Forderungen nach ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit halten zunehmend Einzug, was sich sowohl in den Interessen der von mir betreuten Absolvent*innen als auch in der Forschung wiederspiegelt [4].

Einen Aspekt, der sich dem Bereich der sozialen Nachhaltigkeit von Unternehmen zuordnen lassen könnte, stellt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf dar. Hier hat der Vortrag „Vereinbarkeit von Beruf und Pflege/Familie – (k)ein Thema für Arbeitgeber?“ von Jonas Seidel angeknüpft und eine informative, empirisch geprägte Perspektive auf die Ansichten von Arbeitgeber*innen eröffnet. Demnach stellen Engagements zur besseren Vereinbarung von Familie und Beruf ein „Paradebeispiel“ dafür dar, wie sich primär ökonomische und soziale Ziele in Einklang bringen lassen. Eine entsprechende Praxis der Wahrnehmung unternehmerischer Verantwortung scheitere nicht am fehlenden Bewusstsein für die Probleme, sondern an fehlenden Anreizen zur Umsetzung von konkreten Maßnahmen.

Die Gestaltung von Anreizen, welche zu einer Umsetzung von wünschenswerten Maßnahmen führen, stellt ein Problem dar, das eine interdisziplinäre Auseinandersetzung erfordert. So ist einerseits eine soziologische Untersuchung von Anreizstrukturen nötig, um das Verhalten von Arbeitgeber*innen vor dem Hintergrund betrieblicher Strukturen zu verstehen und dadurch zugänglich zu machen. Andererseits erfordert die Implementierung von neuen Anreizstrukturen eine betriebswirtschaftliche Auseinandersetzung, z. B. mit den Sachzwängen und Ressourcen der jeweiligen Unternehmen.

Chancen von „open Science“

Von meinem Kollegium werde ich gelegentlich „belächelt“, wenn ich erkläre, dass ich beabsichtige, meine Dissertation als Monographie zu verfassen. Es ist kein Geheimnis, dass bei der Vergabe von Stellen in der Forschung, z. B. für Juniorprofessuren, ein besonderer Wert auf die „Publikationsstärke“ gelegt wird. Deswegen wird die Anfertigung einer kumulativen Dissertation, das heißt eine sukzessive Veröffentlichung von Ergebnissen in Fachzeitschriften, oftmals einer Monographie bevorzugt. Das muss per se kein Problem sein. Beide Wege zur Promotion haben ihre individuellen Vor- und Nachteile. Die Tendenz zur Quantität die, nicht zwangsweise, aber möglicherweise, zu Einbußen der Qualität von wissenschaftlichen Publikationen führt, sollte jedoch aufmerksam und kritisch verfolgt werden. Im Rahmen des Keynote-Vortrages „Brauchen wir Open Science in der Soziologie?“ von Nate Breznau wurden einige Aspekte thematisiert, die hierbei eine Rolle spielen. Doch zunächst einige vorauseilende Gedanken:

Die Publikationsstärke und Forschungsstärke von Wissenschaftler*innen, ihren Fakultäten, Instituten und Universitäten gelten als Qualitätsmerkmale. Dabei trifft jedoch die Erhebung dieser Qualitätsmerkmale und deren Ranking in regionalen oder fachspezifischen Kontexten in sogenannten Forschungsrankings, z. B. aufgrund methodischer Schwächen, nicht immer auf Zustimmung [5]. Akteure stehen daher wohlmöglich vor schwierigen Entscheidungen: Entweder wird die eigene Forschung und Lehre an den „starren“ Kriterien der jeweiligen Qualitätsverständnisse von Forschungsrankings ausgerichtet oder aber ein Ansatz verfolgt, der sich am individuellen Qualitätsverständnis der eigenen Institutionen orientiert. Da Forschungsrankings einen zunehmenden Einfluss auf die Vergabe von Fördermitteln bzw. Drittmitteln besitzen, wird die Entscheidung letztlich auch von ökonomischen Zwängen bestimmt werden.

Nun ist es eine spannende Frage, wie „Open Science“ dazu beitragen kann, Forschung „offen“ und transparent zu gestalten. So könnte eine Öffnung der eigenen Forschung für die Öffentlichkeit z. B. dazu beitragen, das durch die vorgenannten Tendenzen hervorgerufene „Statusstreben“ von Forscher*innen einzudämmen. Denn letzteres führte wohlmöglich in der Vergangenheit dazu, dass Forschungsergebnisse mit gefälschten Daten in Fachzeitschriften veröffentlicht wurden [6]. Während Open Science eine interessante Möglichkeit bietet, solche Fälle zu verhindern, denke ich, dass zunächst die grundsätzliche Diskussion über die Rollen der Publikationsstärke und Forschungsrankings weitergeführt werden muss. Denn die „egomanisch“ anmutende Bildung von „Zitierkartellen“ und Anhäufungen von Selbstzitationen sind, meines Eindrucks nach, vor allem einer zunehmenden Kommerzialisierung der Forschung geschuldet. Die Tendenz, notfalls gefälschte bzw. unwissenschaftliche Ergebnisse zu produzieren, die den Kanon der eigenen Forschungsgebiete bestärken, vermute ich eher als eine Folge dieser Kommerzialisierung. Eine fachspezifische Vorliebe der Forschung, sich selbst zu bestätigen, könnte jedoch auch auf anderen Aspekten der jeweiligen sozialen Strukturen beruhen.

Traut euch

Zuletzt würde ich gerne ausführlich auf meine weiteren persönlichen Eindrücke des Kongresses eingehen. Jedoch halte ich mich stattdessen lieber an einen Aufruf, den 8. Studentischen Soziologiekongress im Jahr 2021 zu besuchen, um sich selbst einen Eindruck zu verschaffen. Es wäre zu begrüßen, wenn sich mehr Menschen über Fächer-, Fakultäts- und Universitätsgrenzen hinweg austauschen würden. Sowohl darüber, welche Rolle die eigene Fachdisziplin in der Gesellschaft einnehmen soll als auch über die vielfältigen Möglichkeiten einer interdisziplinären Zusammenarbeit, die sich mir – vollkommen nach dem Leitgedanken „Grenzenlos leben – Interdisziplinär denken“ – in vielfacher Hinsicht offenbart haben.


Anmerkungen

[1] Die Untersuchung von Prozessen, Strukturen und Kräften, die individuelles Verhalten anleiten, kann als Berufung der Soziologie angesehen werden; vgl. Scott (2018); Durkheim (2008). Gleichwohl möchte ich mich nicht zu sehr an diese Definition klammern, zumal ich noch keinen Überblick zum fachlichen Kanon besitze.

[2] Dass allein eine „wissenschaftliche Aufklärung“ von Phänomenen – als eine Aufgabe, die vornehmlich von Wissenschaftler*innen wahrgenommen wird – nicht zum Erfolg führen kann, haben die jüngeren „Diskurse“ zum Thema „Klimawandel“ gezeigt. So reicht die Ablehnung wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse mitunter bis in hohe politische Ämter. Daher gilt es weitere gesellschaftliche Prozesse, als eine „hinreichende“ Bedingung, in Gang zu setzen, deren konkrete Gestalt zur Diskussion verbleibt.

[3] Vgl. Sennet (1994); Wagner (2019). Es handelt sich jedoch primär um einen persönlichen Eindruck, der sich nicht zuletzt durch die Beobachtung von Diskussionen in sozialen Medien manifestiert hat. Mit ähnlichen Vorwürfe einer „Unwissenschaftlichkeit“ werden auch andere sozialwissenschaftliche Disziplinen, so auch die „meiner“ Wirtschaftswissenschaften, konfrontiert.

[4] Inwiefern kapitalistisch geprägte Marktwirtschaften, in deren Domäne die moderne Betriebswirtschaftslehre hauptsächlich angesiedelt ist, trotz dem Verlangen verschiedener Stakeholder nach „Nachhaltigkeit“, in letzter Konsequenz zu verwerflichen gesellschaftlichen Zuständen führen (müssen), soll an dieser Stelle nicht thematisiert werden. Ein (ausbaufähiges) Problembewusstsein ist in den Wirtschaftswissenschaften durchaus vorhanden; Vgl. Reiter (2016); Fotaki/Prasad (2015); Balakrishnan/Duvall/Primeaux (2003); Netzwerk Plurale Ökonomik e.V. (2019).

[5] Speziell im soziologischen Kontext vgl. Witte (2012) und Deutsche Gesellschaft Für Soziologie (2012). Vgl. darüber hinaus z. B. Deutsche Gesellschaft Für Erziehungswissenschaft (2012); Müller (2010); Wohlrabe (2014).

[6] Lindsay/Boghossian/Pluckrose (2018).


Literaturverzeichnis

Balakrishnan/Duvall/Primeaux (2003)

Balakrishnan, U.; Duvall, T.; Primeaux, P.: Rewriting the bases of capitalism: reflexive modernity and ecological sustainability as the foundations of a new normative framework. In: Journal of Business Ethics, Jg. 47 (2003), Heft 4.

Deutsche Gesellschaft Für Erziehungswissenschaft (2012)

Deutsche Gesellschaft Für Erziehungswissenschaft: DGfE empfiehlt: Keine Beteiligung am CHE-Ranking. In: Erziehungswissenschaft, Jg. 23 (2012), Heft 45.

Deutsche Gesellschaft Für Soziologie (2012)

Deutsche Gesellschaft Für Soziologie: Scientific evaluation, yes – CHE ranking, no. In: Erziehungswissenschaft, Jg. 23 (2012), Heft 45.

Durkheim (2008)

Durkheim, É.: The rules of sociological method. 8. Aufl. New York 2008.

Fotaki/Prasad (2015)

Fotaki, M.; Prasad, A.: Questioning neoliberal capitalism and economic inequality in business schools. In: Academy of Management Learning and Education, Jg. 14 (2015), Heft 4.

Lindsay/Boghossian/Pluckrose (2018)

Lindsay, J.; Boghossian, P.; Pluckrose, H.: From dog rape to white men in chains: We fooled the biased academic left with fake studies, Online-Publikation im Internet unter der URLhttps://eu.usatoday.com/story/opinion/voices/2018/10/10/grievance-studies-academia-fake-feminist-hypatia-mein-kampf-racism-column/1575219002/“, Zugriff am 05.11.2019.

Müller (2010)

Müller, H.: Wie valide ist das Handelsblatt-BWL-Ranking? – Zeitschriften- und zitationsbasierte Personenrankings im Vergleich. In: BFuP, Jg. 62 (2010), Heft 2.

Netzwerk Plurale Ökonomik e.V. (2019)

Netzwerk Plurale Ökonomik e.V.: Ziele und Aktivitäten, Online-Publikation im Internet unter der URLhttps://www.plurale-oekonomik.de/das-netzwerk/ziele-und-aktivitaeten/“, Zugriff am 24.10.2019.

Reiter (2016)

Reiter, S. L.: Corporate Profit, Social Welfare, and the Logic of Capitalism. In: Business and Society Review, Jg. 121 (2016), Heft 3.

Scott (2018)

Scott, S.: A Sociology of Nothing: Understanding the Unmarked. In: Sociology, Jg. 52 (2018), Heft 1.

Sennet (1994)

Sennet, R.: Das Ende der Soziologie, Online-Publikation im Internet unter der URL„https://www.zeit.de/1994/40/das-ende-der-soziologie“, Zugriff am 24.10.2019.

Wagner (2019)

Wagner, G.: Ein Quexit in der Soziologie?, Online-Publikation im Internet unter der URLhttps://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/methodenstreit-in-der-deutschen-soziologie-16001226.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2“, Zugriff am 24.10.2019.

Witte (2012)

Witte, J.: Soziologen boykottieren CHE-Ranking. In: VDI NR. 27-28 VOM 06.07.2012 SEITE 27 (2012), S. 27.

Wohlrabe (2014)

Wohlrabe, K.: Eine Kritik des FAZ-Ökonomenrankings 2013. In: ifo Schnelldienst (2014), Heft 13, S. 63-67.

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