Video: Anomische Einstellungen im sozialen Kontext – Sozialräumliche und sozio–ökonomische Ursachen sozialer Desintegration. Von Jonas Aljoscha Weik

Gegenstand des Vortrags ist die Untersuchung individuell erlebter sozialer Desintegration und deren sozialstruktureller und sozialräumlicher Ursachen. Hierfür werden empirische Ergebnisse analysiert, die mit ALLBUS-Daten erarbeitet wurden. Die Forschungsarbeit knüpft an Anomie–Theorien und Untersuchungen zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit an.


Der Vortrag stellt empirische Untersuchungen zu subjektiv empfundener sozialer Desintegration in der Bundesrepublik vor. Es wird analysiert inwiefern sozialstruktureIl ungleiche Lebenslagen Empfindungen sozialer Entfremdung und Normlosigkeit (anomische Einstellungen) Vorschub leisten und sich somit (neue) Grenzen durch die Bevölkerung ziehen. Mit einem Mikro–Makro–Modell wird untersucht, wie sich die individuelle sozialstrukturelle Position einer Person und Merkmale des sozialen Kontexts auf anomische Einstellungen des Individuums auswirken.

Die durchgeführten empirischen Untersuchungen greifen auf die theoretischen Überlegungen zu Anomie von Robert K. Merton (1957; 1964) und Leo Srole (1956) zurück und knüpfen an die umfangreichen Ergebnisse der Forschungsgruppe um Wilhelm Heitmeyer (2002-2012) an. Im Forschungsstand zeigt sich bislang, dass sozio–ökonomische Benachteiligung und relative Deprivation das Erleben von sozialer Desintegration bestärken. Uneindeutig ist jedoch, wie sich Merkmale des sozialen Kontexts, etwa die Arbeitslosigkeit in einer Gegend, auf anomische Einstellungen auswirken. Die durchgeführten Analysen beziehen daher Kontextebenen in die empirische Untersuchung mit ein und liefern umfassende Ergebnisse, die in dieser Form bislang im Forschungsstand fehlen.

Als methodisches Vorgehen wird ein quantitativ–empirischer Zugang gewählt. Auf Basis der Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) wurden multivariate OLS-Regressionen sowie Gruppenvergleiche zur Untersuchung der Einflüsse durch individuelle Merkmale und Merkmale sozialräumlicher Kontexte (Wohnumgebungen und Landkreise) durchgeführt.

Bisherige Ergebnisse konnten bestätigen, dass die Stärke anomischer Einstellungen in signifikantem Maße von niedrigem sozialem Status und insbesondere Deprivationserfahrungen beeinflusst wird. Darüber hinaus wird soziale Desintegration verstärkt in ökonomisch benachteiligten Umgebungen wahrgenommen, was eine Segregation von einzelnen Sozialräumen verdeutlicht. Ein neuer Befund stellt dar, dass Personen, die aufgrund ihres niedrigen Status in besonderer Diskrepanz zu ihrer statushohen Umgebung stehen, verstärkt soziale Entfremdung und Isolation erleben. Anhand der empirischen Ergebnisse lässt sich diskutieren, wieweit sich sozialstrukturelle Ungleichheiten zunehmend verräumlichen und ökonomische Grenzziehungen ein inklusives Zusammenleben in Frage stellen.

Literatur

  • Heitmeyer, W. (2002-2012). Deutsche Zustände. Folge 1 bis 10. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Hövermann, A. (2013). Anomia. Normlosigkeit und Vorurteile im lokalen Kontext. in: A. Grau & W. Heitmeyer, Hrsg., Menschenfeindlichkeit in Städten und Gemeinden, Weinheim, Basel: Beltz Juventa Verlag, S. 132–149.
  • Legge, S. (2010). Abweichendes Verhalten, Vorurteile und Diskriminierung. Zur theoretischen und empirischen Erklärungskraft ausgewählter Anomietheorie. Bielefeld: Universität Bielefeld.
  • Merton, R.K. (1995 [1957]). Soziologische Theorie und soziale Struktur. Berlin: De Gruyter.
  • Merton, R.K. (1964). Anomie, Anomia and Social Interaction. Contexts of deviant behavior. in: M.B. Clinard, Hrsg., Anomie and deviant behavior. A discussion and critique, New York: Free Press of Glencoe, S. 213–242.
  • Srole, L. (1956). Social Integration and Certain Corollaries. An Exploratory Study. American
    Sociological Review
    , 21(6), S. 709–716.

Video: Fachschaften als studentische Gewerkschaften: Ist studentische Partizipation überhaupt noch wichtig? Von Leonard Mach

Studentische Partizipation in Form von Fachschaften weist an Hochschulen hohe Ähnlichkeit zur klassischen partizipativen Repräsentationsarbeit wie der von Gewerkschaften auf. Dabei umschließen Aufgaben der Fachschaft die Repräsentation der Studierendenschaft bei der Auswahl von Lehrinhalten, bei der Berufung des Lehrkörpers und bei der Überprüfung der Forschung hinsichtlich ihrer ausschließlich zivilen Ziele. Trotz der gestiegenen Einflussmöglichkeiten auf akademische Prozesse und damit einer Festigung gewisser Machtposition innerhalb des akademischen Gefüges leiden viele studentische Vertretungs- und Beteiligungsgruppen unter einem Rücklauf an Mitgliedern; die klassische studentische, hochschulpolitische Partizipation nimmt ab.

Eine mögliche Erklärung hierfür ist ein zu wenig erkennbarer Einfluss. Das Ziel der, dem Vortrag zugrundeliegende Forschung war die Analyse der Arbeiten von Fachschaften innerhalb des akademischen Akkreditierungssystems und innerhalb Governance–Prozesse an Hochschulen. Es wurde die Frage debattiert, wie basisdemokratische Bewegungen innerhalb einer Institution auf ebendiese, trotz eines Abhängigkeitsverhältnisses, Einfluss üben können. Die grundlegenden Theorien hierfür sind zum einen die Identitätstheorie Peter Bergers und Thomas Luckmanns (1987) sowie das Mülleimermodell von Cohen, March und Olsen (1972).

Es stellt sich dabei heraus, dass sich zwischen Fachschaften und den verschiedenen universitären Institutionen Grenzen definieren lassen, die von Fachschaft zu Fachschaft und Universität zu Universität unterschiedlich sind. Entlang verschiedener Skalen, so meine Hypothese, lassen sich diese Unterschiede messen.

Literatur

  • Berger, P. and Luckmann, T. (1966). Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt am Main.
  • Cohen, M., March, J., Olsen, J., (1972). A Garbage Can Model of Organizational Choice. Administrative Science Quarterly, 17.

Video: Prävalenz weiblicher Genitalbeschneidung (FGC) in Ägypten – Mutter- und Tochtergeneration. Von Tanja Preböck

Die nachfolgende Analyse behandelt das Thema der weiblichen Genitalbeschneidung (FGM). Der Hauptfokus liegt hierbei auf Erklärungs- und Interventionsansätzen, sowie auf der Beschreibung soziodemographischer Merkmale. Betrachtet werden zudem Prävalenz, Einstellung und aktuelle Entwicklungen der Praxis in Ägypten, das aufgrund der sehr hohen Prävalenz (28 Too Many 2017) als Fallbeispiel gewählt wurde.
Als Fallbeispiel soll ferner auf das Land Ägypten eingegangen werden. Hier werden zentrale Kennzahlen, die dem DHS entnommen wurden für die Jahre 1995-2014 präsentiert und anschließend über den Zeitverlauf hinweg auf Veränderungen hin verglichen.


Der Vortrag behandelt das Thema der weiblichen Genitalbeschneidung (FGM). Der Hauptfokus liegt hierbei auf Erklärungs- und Interventionsansätzen, sowie auf der Beschreibung soziodemographischer Merkmale. Betrachtet werden zudem Prävalenz, Einstellung und aktuelle Entwicklungen der Praxis in Ägypten, das aufgrund der sehr hohen Prävalenz (28 Too Many 2017) als Fallbeispiel gewählt wurde.

Hierbei kann erwartet werden, dass sich innerhalb der Periode 1995-2014 die soziodemographischen Merkmale aufgrund von Bildungsexpansion und gesetzlichen Verboten (1997 und 2007) von FGM verändert haben. Dies könnte zu einer Veränderung in der Einstellung führen, was wiederum in einer Veränderung ihrer Prävalenz in der Töchtergeneration resultieren könnte. Das Thema ist soziologisch relevant, da hier eine irreversible Inkorporation patriarchalischer Gesellschaftsstrukturen in den Körper untergeordneter Mädchen vorgenommen wird, daher kann man hier auch von der Reproduktion sozialer Geschlechterungleichheitsstrukturen durch ein Schönheitsideal und eine Habitualisierung sprechen. Zunächst wird ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand gegeben. Anschließend werden die verwendeten Methoden vorgestellt. Daran schließt eine Präsentation der Ergebnisse an. Den Abschluss bilden ein Fazit und darauf aufbauend ein Ausblick.

Bezüglich des Forschungsstandes orientiere ich mich vor allem an Farina Asefaw (2007) (Ärztin), Paul Yoder (2013) (Sozialwissenschaftler), Kathryn Yount (2008) (Sozialdemographin), 28 Too Many (2018) (Menschenrechtsorganisation) und El Zanaty et al. (2015) (Demographic and Health Survey). Diese zeigen, dass es sich bei der FGM um eine soziokulturelle multikausale Praxis, die in den praktizierenden Gemeinschaften Normalität ist, handelt. Für die betroffenen Frauen ist sie mit Gesundheitsrisiken verbunden. In Ägypten sind etwa 90 Prozent der Frauen beschnitten. Vor allem seit Beginn der 2000er gibt es viele Interventionsversuche FGM zu reduzieren. Problematisch ist hierbei, dass die meisten Kampagnen nur medizinische Probleme fokussieren, weshalb diese als einzig Relevante wahrgenommen werden. Seit 2007 ist FGM in Ägypten gesetzlich komplett verboten, jedoch wird dieses Gesetz kaum verfolgt (vgl. 28 Too Many 2017). Wie schon El Zanaty et al. (2015) zeigen, sind in den DHS-Daten leicht abnehmende Zustimmungswerte zur Praxis festzustellen. Vor allem junge, gebildete und christliche Frauen hinterfragen dies. Allerdings ist der Schritt zwischen dem Hinterfragen der Praxis und dem, seine Tochter nicht beschneiden zu lassen, ein sehr schwieriger, da Mütter sich häufig zwischen ihrer eigenen und der Meinung der Gesellschaft gefangen fühlen. Um ihrer Tochter möglichst gute Zukunftschancen zu bieten beugen sie sich dem gesellschaftlichen Druck, auch wenn dies ihrer eigenen Meinung widerspricht (vgl. Asefaw 2007). Jedoch können die Anti-FGM-Kampagnen nicht als gänzlich einflusslos abgestempelt werden: durch sie rückt das medizinische Risiko der Praxis ins Bewusstsein der Mütter, weshalb der Eingriff immer häufiger im Krankenhaus, teilweise von Ärzt_innen, durchgeführt wird. Dieser Trend heißt Medikalisierung (vgl. Modrek 2016) und wird sehr kritisch betrachtet, denn anstatt die Gründe der Praxis zu hinterfragen wird diese nur (vermeintlich) risikoärmer.

Versucht man die Praxis der weiblichen Genitalbeschneidung theoretisch zu fassen, so eignet sich Norbert Elias‘ Theorie der Etablierten-Außenseiterbeziehungen (Rosa et al. 2013: 202-221). Hierbei wären alle Mädchen qua Geburt Außenseiterinnen. Durch den Vorgang der FGM erleben sie einen quasi irreversiblen Übergang zu den Etablierten, der Gemeinschaft von sittsamen, treuen und guten Frauen und Müttern. Die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe ist relativ überdauernd und bringt für die Frauen soziale Vorteile mit sich. Ein Rückgang in die Gruppe der Außenseiter ist nur durch Defibulation vor dem Ende der Reproduktiven Phase oder (zumindest ideell) durch Engagement gegen FGM möglich. Niemals sollten beschnittene Frauen dauerhaft in der Gruppe der Außenseiterinnen verbleiben.

Aufbauend auf Theorie und Forschungsstand untersuche ich die Thematik mit Hilfe des Demographic and Health Surveys (DHS) aus den Jahren 1995, 2002 und 2014. Die Stichprobe des Datensatzes setzt sich aus jemals verheirateten Frauen zwischen 15 und 49 Jahren zusammen. Zunächst werden soziokulturelle Merkmale betrachtet. Anschließend fokussiere ich mich auf ihre Einstellung zu FGM, ihre eigene Beschneidungshistorie und die der ersten Tochter, sowie der Zustimmung, dass FGM tödlich sein kann. Zunächst betrachte ich die Verteilung der soziodemographischen Merkmale der einzelnen Jahre und vergleiche anschließend die Zeitpunkte, um Veränderungen festzustellen. Im zweiten Schritt suche ich nach Prädiktoren für die Beschneidung der ersten Tochter, sowie die Einstellung der Mutter zu FGM. Hierzu verwende ich logistische multivariate Regressions-Modelle. Anschließend vergleiche ich meine Ergebnisse über die drei betrachteten Zeitpunkte hinweg.

Bei der Analyse zeigen sich vor allem die drei folgenden Dinge: Trotz zahlreicher und intensiver Anti-FGM-Kampagnen hat die Prävalenz der FGM in den betrachteten 20 Jahren kaum abgenommen. Während die meisten Beschneidungen im Datensatz von 1995 noch von Dayas (traditionelle Beschneiderinnen) durchgeführt wurden, wird diese Rolle 2014 von Ärzten eingenommen. Betrachtet man Interventionsansätze, die Praxis abzuschaffen, so ist der größte Schutzfaktor für ein Mädchen, wenn die eigene Mutter nicht beschnitten ist. Daraus lässt sich ableiten, wie auch Asefaw (2007) herausarbeitet, dass die bisherigen Interventionsansätze noch nicht stimmig genug mit der Lebensrealität in den praktizierenden Ländern sind. Auch die bereits diskutierte Medikalisierung der Praxis konnte mit dem DHS-Datensatz bestätigt werden.

Dies bedeutet, dass sich die Ausübung der Praxis in Ägypten verändert. Allerdings findet (noch) kein empirisch nachweisbarer gesellschaftlicher Wandel statt, der die zugrundeliegenden patriarchalen Strukturen offen kritisierbar macht. Dadurch können diese nicht nachhaltig geändert werden und die sozialen Auswirkungen, vor allem die geschlechtsspezifische Benachteiligung von Mädchen und Frauen bleibt bestehen. Um einen Wandel anzustoßen, wird von der Literatur einstimmig der folgende Interventionskanon genannt: Hier muss parallel eine bessere, auch sexuelle, Bildung von Mädchen erfolgen und die allgemeine Lebenssituation der Familien verbessert werden. Gleichzeitig muss weiterhin über die Praxis informiert werden, denn das Wissen und der daraus resultierende Umgang der Bevölkerung mit FGM ist noch nicht ausreichend. Für diese Sensibilisierung müssen in der Gemeinschaft hoch angesehene Multiplikatoren gewonnen werden. Diese Rolle könnten vor allem Imame oder Dayas ausüben. Dafür ist jedoch noch sehr viel Sensibilisierungsarbeit zu leisten. Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung legen dabei grundlegende Wirkungszusammenhänge dar, die in einer qualitativen Studie ergänzend noch feiner herausgearbeitet werden könnten.

Video: MachtKörperGesellschaft? Von Franziska Wiest und Ann-Kristin Kühnen

„Language matters. Discourse matters. Culture matters. […] the only things that doesn’t seem to matter anymore is matter.“

Karen Barad (2012): Posthumanist Performativity: Toward Un Understanding How Matter Comes To Matter, S.7.

Wenn wir uns als Cyborgs mit Technologien verbinden – wo endet dann der Körper? Welche Auswirkungen hat es für derzeitige Geschlechterverhältnisse, wenn Männer* durch Gebärmuttertransplantationen schwanger werden können? Wie kann Care–Arbeit in einer Welt mit Robotern aussehen? Wir wollen uns neo–materialistischen Ansätzen bedienen und versuchen die Grenzen von Diskurs und Materie zu verwischen, um neue Möglichkeiten auszuloten über Geschlecht, Race und Dis_ability nachzudenken.


Feministische Theorien, Rassismustheorien und Disability Studies, die Macht- und Herrschaftsverhältnisse in den Blick nehmen, bedienten sich in den letzten Jahren meist diskurs- und sprachtheoretischen Zugängen, welche die soziale Konstruktion von ‚gender‘, ‚race‘ und ‚dis_ability‘ offenlegten. Vergeschlechtlichte, rassifizierte und be_hinderte Körper rücken hierbei allerdings in ihrer Materialität und in ihrem Eigensinn in den Hintergrund. Während diese Theorieansätze maßgeblich dazu beitragen konnten, zahlreiche Dualismen (Mann/Frau, Schwarz/weiß etc.) und gedankliche Grenzen herauszufordern, bleibt eine erkenntnistheoretische Hierarchisierung unbeachtet: der Dualismus zwischen Diskurs und Materialität, Natur und Kultur. Wir fragen uns: Was ist mit leiblichen Prozessen und Emotionen – unseren Körpern, die schmerzen, wachsen, altern, bluten, sich unterschiedlich bewegen lassen und verschieden aussehen und sich auch manches Mal höchst widerspenstig gegen unsere Ratio zeigen? Wo enden unsere Körper und wie müssen wir sie in Bezug auf die Technologisierung unser Welt denken?
Diesen Fragen gehen neomaterialistische Theorien nach, die naturwissenschaftliche und technologische Durchkreuzungen sozialwissenschaftlicher Theorien vornehmen.

Wir wollen uns neo–materialistischen Ansätzen bedienen und versuchen die Grenzen von Diskurs und Materie zu verwischen, um neue Möglichkeiten auszuloten über Geschlecht, Race und Dis_ability nachzudenken. Wir wollen diskutieren, inwiefern interdisziplinäre Herangehensweisen notwendig sind, um einerseits in der sozialwissenschaftlichen Analyse und andererseits in der politischen Praxis Grenzen zu überwinden.

Video: Die Begegnung mit dem Fremden als religiöse Ressource. Dialog als institutionalisierte Außeralltäglichkeit. Von Philipp P. Jakobs

Beschreibung

Fremden Personen, Gruppen oder auch Situationen wird häufig eine „transzendente“ Qualität zugeschrieben, die in vielen Gesellschaften mit religiösen Vorstellungen und bestimmten religiösen Institutionen verbunden ist. Dies soll an einigen kurzen historischen und ethnologischen Skizzen illustriert und im Kontext religionssoziologischer Theoriebildung erklärt werden. Die Idee eines „Dialoges der Religionen“ und die dazugehörige „Theologie der Religionen“ soll als moderne Variante dieses Phänomens beschrieben werden.

In der Soziologie wird dem Fremden oft eine tragende Bedeutung zugemessen: er kann der Innovation überkommener Strukturen dienen oder der Konstitution persönlicher oder „partizipativer“ Identitäten (Hahn 1997). Wegen der ihnen zugeschriebenen „Objektivität“ und Unverbundenheit, wurden Fremde historisch aber auch oft zur Besetzung bestimmter gesellschaftlicher Positionen, die ein hohes Grad an Neutralität erfordern, eingesetzt – etwa als Richter oder Stadtherr, wie in einigen Städten des italienischen Mittelalters. Hierher gehört auch die Nutzung des Fremden als Quelle religiöser Potentiale. Dem Fremden haftet eine transzendente Qualität an, die nutzbar gemacht werden kann. Er stellt das „Außer-ordentliche“ dar, das, was die gewohnte Ordnung „übersteigt“.

Insofern kann die Möglichkeit, Fremdheit als spezifisch religiöse Ressource einzusetzen, als theoretisch vorgegeben betrachtet werden. Doch dient Theorie – aufgefasst im Sinne Max Webers – nur zur analytischen Durchdringung der historisch-konkreten Wirklichkeit. Dementsprechend lässt sich die begrifflich-theoretische Systematisierung des Fremden als Quelle religiöser Potentiale anhand historischer und ethnographischer Fälle konkretisieren.

Zum einen zeigt sich die „rituelle Potenz“ und die daraus sich ergebende rituell bedeutsame Stellung fremder Bevölkerungsgruppen in der sozialen Struktur vieler Völker, wie sie Victor Turner beispielsweise bei den Lunda und den von ihnen unterworfenen, autochthonen Mbwela beschrieben hat (Turner 1991). Auf einer gänzlich anderern Ebene zeigt sie sich aber auch in der „paradoxen Kommunikation“, die im Meister-Schüler-Gespräch im Zen-Buddhismus praktiziert wird (Fuchs 1989). Dieses kann als eine religiöse Technik interpretiert werden, die dadurch eine bestimmte Form „höheren“ Erlebens induzieren will, dass sie den Schüler in ein Gefühl von Fremdheit – im Sinne von „Anschlussunfähigkeit“ (Hellmann 1998) – versetzt. Schließlich zielt aber auch eine Strömung der christlichen Theologie auf die Nutzbarmachung der religiösen Potentiale des Fremden, die – um mit Schelsky zu sprechen – die religiöse Dauerreflexion durch Gespräch, genauer: Dialog, institutionalisieren will (Schelsky 1965). Hierbei wird systematisch der Austausch mit Angehörigen anderer Religionen angestrebt, mit dem Ziel und der Hoffnung, im Prozess des offenen Dialogs miteinander einen gemeinsamen Urgrund, eine „Religionsverbundenheit“ mit dem anderen zu erleben, die jenseits aller rationalen Kriterien liegt, dadurch aber zum „dialogisch-hermeneutischen Wagnis des Glaubens“ aufruft (Otte 2002).

Allen drei Beispielen ist gemein, dass sie von einer grundlegenden Differenz zweier eigenständiger Wirklichkeitsbereiche ausgehen, die man verallgemeinernd als „Struktur“ und „Strukturlosigkeit“ beschreiben könnte. Dabei scheint zum einen die strukturlose Seite eine sinnstiftende Funktion für die Struktur-Seite einzunehmen. Zum anderen ist es stets die Begegnung mit Fremdheit – sei es mit dem Fremden als Person oder dem Fremden als Erfahrungsqualität – die das Erleben des Strukturlosen, des die alltägliche Wirklichkeit transzendierenden herbeiführen soll. Geht man also davon aus, dass innerhalb der Dualität von Struktur und Strukturlosigkeit der Strukturlosigkeit eine essenzielle, meist religiös konnotierte Funktion zukommt, dann können die beschriebenen Institutionen (und zahlreiche weitere) als Formen der Nutzung des Fremden als religiöse Ressource im Sinne dieser Funktion verstanden werden. Die Soziologie des Fremden ließe sich somit in die allgemeine Religionssoziologie einordnen.

Literatur

  • Fuchs, P. (1989). Vom Zweitlosen: Paradoxe Kommunikation im Zen-Buddhismus. In: N. Luhmann und P. Fuchs, Reden und Schweigen, 1. Aufl., Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 46-69.
  • Hahn, A. (1997). „Partizpative“ Identitäten. In: H. Münkler und B. Ladwig, Hg., Furcht und Faszination. Facetten der Fremdheit, 1. Aufl. Berlin: Akademie Verlag, S. 115-158.
  • Hellmann, K.-U. (1998). Fremdheit als soziale Konstruktion. Eine Studie zur Systemtheorie des Fremden. In: H. Münkler, K. Meßlinger und B. Ladwig, Hg., Die Herausforderung durch das Fremde, 1. Aufl., Berlin: Akademie Verlag, S. 401-459.
  • Otte, K. (2002). Interreligiöser Dialog und Hermeneutik. Eine Hinführung zur Kommunikation zwischen den Religionen aus erlebter Praxis. Religionen im Gespräch, 7, S. 314-332.
  • Schelsky, H. (1965). Ist die Dauerreflexion institutionalisierbar? Zum Thema einer modernen Religionssoziologie. In: H. Schelsky, Auf der Suche nach der Wirklichkeit. Gesammelte Aufsätze, 1. Aufl., Düsseldorf: Eugen Diederichs, S. 250-275.
  • Turner, V. (1991). The Ritual Process. Structure and Anti-Structure. Ithaca, NY: Cornell University Press.

Video: Architektonische Rekonstruktionen als Medium der Rechten. Von Teresa Kampfmann

Beschreibung

Die Zahl der architektonischen Rekonstruktionen steigt in Deutschland stetig an. Dabei ist auffällig, wie sehr sich rechte Gruppierungen für diese einsetzen und wie rechte Themen in der medialen Debatte um Rekonstruktionen besondere Aufmerksamkeit erfahren. Dies wird an zwei aktuellen Rekonstruktionsprojekten dargestellt.


Für Deutschland, aber auch für andere europäische Länder wird seit einigen Jahren eine Rekonstruktionswelle diagnostiziert. Dass verlorene Bauwerke nach Bild-, Schrift- und Sachquellen als Rekonstruktionen aufgebaut werden, wird oftmals mit subjektiv empfundenen Ästhetikansprüchen begründet. Auffällig ist dabei, wie sehr sich rechte Akteure für den Aufbau verlorener Originale stark machen – und dabei geschickt ihre Anliegen um Nationalstolz, nationale Identität sowie um eine geschichtspolitische Umdeutung vermitteln.

Werden Rekonstruktionen vorrangig für Kommerzialisierung und Disneyfizierung des öffentlichen Raums kritisiert, ist die Untersuchung, wie diese von rechten Akteuren genutzt werden, noch unzureichend. Typisch rechte Themen sind nicht nur Migration und völkische Familienpolitik. Auch Themen des Städtebaus können von Rechts direkt oder latent genutzt werden, um mit ihnen politische Anliegen zu transportieren oder mit dem Aufbau verlorener Bauten symbolische, materialisierte, Politik zu demonstrieren.

In diesem Vortrag sollen die scheinbar genauen Grenzen zwischen architektonischen Rekonstruktionen auf der einen Seite und rechter Politik auf der scheinbar weit entfernten anderen aufgebrochen und diese beiden Themen verbunden werden. Nach einer kurzen Einführung zur spürbaren „Rekonstruktionseuphorie“ in Deutschland sowie einem theoretischen Zugang zu Raum und kollektiver Identität, Architektur und Erinnerung sowie symbolischer Politik werden zwei ausgewählte Rekonstruktionsprojekte vorgestellt, bei denen die Verbindung zu rechten Politiken ersichtlich ist.

Die Rekonstruktion des Dom–Römer Areals in Frankfurt (Main) geht auf eine parlamentarische Initiative der rechtspopulistischen Partei Bürger für Frankfurt (BFF) in Zusammenarbeit mit dem völkischen Architekturtheoretiker Claus Wolfschlag zurück. Und bei Betrachtung der medialen Berichterstattung zur Rekonstruktion der Garnisonkirche in Potsdam in einer ausgewählten Lokalzeitung zeigt sich, dass rechte Narrative wiederholt bedient werden. Damit erhalten gängige Themen der Rechten, wie etwa die „Abkehr vom Schuldkult“ und Nationalstolz verstärkte mediale Präsenz.

Die vermeintlich klaren Grenzen zwischen ästhetischer, gebauter Umwelt in Form von Rekonstruktionen und rechtspopulistischer Politik sowie zentralen rechten Themen sind folglich weniger deutlich als angenommen. Die rekonstruierte gebaute Umwelt ist politisch. Für die beiden Beispiele zeigt sich: Rekonstruktionen können durchaus als Medien der Rechte genutzt werden – um passende politische Anliegen in der medialen Debatte zu verbreiten oder um eine erfolgreiche, symbolische Politik materialisiert zu vermitteln.

Video: Die Neuvermessung des politischen Koordinatensystems. Von Max Barnewitz

Über die Auswirkungen makrosoziologischer Prozesse auf die Diskussionen politisch Andersdenkender miteinander.

Der Wandel von Cleavages in westeuropäischen Demokratien wurde und wird bislang umfassend erforscht – wobei das Individuum droht, aus dem Blick zu geraten. Der Vortrag stellt den Versuch dar, mithilfe einer skalierenden Inhaltsanalyse einer eigens durchgeführten Gruppendiskussion, diesen Wandel der Cleavages greifbar zu machen.


„Wir leben in ‚aufgeregten Zeiten‘: Was in manchen Augen einen gefährlichen, überregionalen Trend hin zu Autokratismus und Nationalismus spiegelt, erscheint anderen als erlösende Rückkehr zu demokratischer Selbstbestimmung und Vernunft.“

Frick 2017:9

Mit dieser Diagnose hat die Philosophin Marie-Luisa Frick den Zeitgeist und das politische Klima der vergangenen Jahre in Deutschland und Europa treffend erfasst. Begriffe schienen lange nicht mehr so deutungsabhängig (Flümann 2017), Fakten als solche lange nicht mehr so umkämpft (Hendicks/Vestergaad 2017), die gesellschaftspolitische Stimmung im Zuge einer „autoritären Revolte“ (Weiß 2017) lange nicht mehr so aufgeheizt. Einander diametral gegenüberstehende Weltbilder prallen mit zunehmender Wucht aufeinander. Es rumort also gewaltig in der parteipolitischen Landschaft Deutschlands und Europas. In diesem Kontext spricht die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan von einer Verschiebung des politischen Koordinatensystems durch eine „neue Achse“, welche den „Umgang und die Haltung zu Pluralität“ thematisiere (Foroutan 19.05.2018).

Dabei lag der Fokus sozialwissenschaftlicher Betrachtungen bereits zuvor stets auf Veränderungsprozessen der Makroebene (vgl. exempl. Kriesi et al. 2008; Bornschier 2010; Kriesi et al. 2012), jedoch weniger auf der Meso- bzw. Mikroebene der direkten Interaktion politisch Andersdenkender miteinander, die sich in einem sich neu strukturierenden politischen Feld orientieren (müssen). An Ansätzen, welche die Auswirkungen jener „Neustrukturierung des nationalen politischen Raums“ (Kriesi/Grande 2004: 416) auf der Ebene der politischen Diskussionen zwischen Bürger*innen analytisch erfassbar machen, mangelt es derzeit.
Dabei liegt folgende Überlegung auf der Hand: Auf Grundlage der Institutionalisierung einer neuen parteipolitischen Achse zwischen Integration und Demarkation auf der Makroebene müsste sich diese Entwicklung auch auf der Ebene der direkten Diskussion zwischen Bürger*innen auf der Meso- bzw. Mikroebene nachweisen lassen.

Der Vortrag wird eröffnet mit der Konzeption jener neuen Konfliktlinie, die sich entlang den Polen von Öffnung und Schließung, von Kosmopolitismus und Kommunitarismus (Merkel 2017), von „differentielle[m] Liberalismus und Kulturessentialismus“ (Reckwitz 2017: 371-428), von Integration und Demarkation (Grande 2012) manifestiert. Es folgt die knappe Deskription zu diesem Zwecke durchgeführten Gruppendiskussion und der analytischen Auswertung (u.a. mithilfe einer skalierenden Strukturierung) des Materials. Im Anschluss werden die Ergebnisse der Untersuchung dargelegt und diskutiert. Abschließend wird (aus demokratietheoretischer und normativer Perspektive) ein Ausblick dahingehend gewagt, welche Handlungsfelder sich für die Zivilgesellschaft und das Feld der politischen Bildung eröffnen – kurz: Was wir hoffen dürfen und tun müssen, um aus Grenzen keine Fronten, aus streitbaren Gegnern keine unversöhnliche Feinde werden zu lassen.

Literatur

  • Bornschier, Simon (2010): Cleavage Politics and the Populist Right. The New Cultural Conflict in Western Europe, Philadelphia: Temple University Press.
  • Flümann, Gereon (Hrsg.) (2017): Umkämpfte Begriffe. Deutungen zwischen Demokratie und Extremismus, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.
  • Foroutan, Naika (19.05.2018): Integrationsdebatte – Neue Achse der politischen Unterschiede. Marcus Pindur im Gesprächmit Naika Foroutan, verfügbar unter: www.deutschlandfunkkultur.de/integrationsdebatte-neue-achse-der-politischen-unterschiede.990.de.html?dram:article_id=418329 [zuletzt geprüft: 25.02.2019].
  • Frick, Marie-Luisa (2017): Zivilisiert streiten. Zur Ethik der politischen Gegnerschaft, Ditzingen: Reclam.
  • Grande, Edgar (2012): Conclusion: How much change can we observe and what does it mean?, in: Kriesi, Hanspeter/Grande, Edgar/Dolezal, Martin/Helbling, Marc/Höglinger, Dominic/Hutter, Swen/Wüest, Bruno (Hrsg.): Political Conflict in Western Europe, Cambridge: Cambridge University Press, S. 277–301.
  • Hendicks, Vincent F./Vestergaad, Mads (2017): Verlorene Wirklichkeit? An der Schwelle zur postfaktischen Demokratie, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (13), S. 4–10.
  • Kriesi, Hanspeter/Grande, Edgar (2004): Nationaler politischer Wandel in entgrenzten Räumen, in: Beck, Ulrich/Lau, Christopher (Hrsg.): Entgrenzung und Entscheidung. Was ist neu an der Theorie reflexiver Modernisierung?, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 402–420.
  • Kriesi, Hanspeter/Grande, Edgar/Dolezal, Martin/Helbling, Marc/Höglinger, Dominic/Hutter, Swen/Wüest, Bruno (Hrsg.) (2012): Political Conflict in Western Europe, Cambridge: Cambridge University Press.
  • Kriesi, Hanspeter/Grande, Edgar/Lachat, Romain/Dolezal, Martin/Bornschier, Simon/Frey, Timotheos (Hrsg.) (2008): West European Politics in the Age of Globalization, Cambridge: Cambridge University Press.
  • Merkel, Wolfgang (2017): Kosmopolitismus versus Kommunitarismus: Ein neuer Konflikt in der Demokratie, in: Harfst, Philipp/Kubbe, Ina/Poguntke, Thomas (Hrsg.): Parties, Governments and Elites. The Comparative Study of Democracy, Wiesbaden: Springer Verlag für Sozialwissenschaften, S. 9–23.
  • Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Weiß, Volker (2017): Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.

Video: ‚Brasilien über Alles – Gott über Allen“. Rechtspopulistisches Nation-Building in Brasilien. Von Lucas Schucht

Beschreibung

Verschiedenes Material der Präsidentschatskampagne von Jair Bolsonaro 2018 in Brasilien wird aus einer intersektionalen Perspektive auf Ausschlüsse und Grenzziehungen hin untersucht und in transnationale Zusammenhänge eingeordnet. Dadurch entsteht ein Bild von Bolsonaros angestrebter Gesellschaftsordnung und deren Feindbildern- von der sogenannten ‚Gender–Ideologie‘ über Umwelt–Verbände bis hin zu einer angeblichen sozialistischen Weltverschwörung.


In Brasilien spielt der Prozess des Nation–Buildings eine zentrale Rolle. Von der ‘Rassendemokratie’ über das ‘Land der Zukunft’ bis zum ‘Land für Alle’ – die Bemühungen das riesige Land mit seiner sehr heterogenen Bevölkerung zu vereinen, fanden unter den verschiedensten, symbolisch aufgeladenen Parolen statt. Diese Konzepte prägen Brasiliens nationale Identität bis heute und bestimmen oft die Wahrnehmung der großen sozio-ökonomischen Differenzen im Land.

Im Oktober 2018 wurde, nach einer lang anhaltenden wirtschaftlichen und politischen Krise sowie einem rücksichtslosen Präsidentschaftswahlkampf, mit Jair Bolsonaro ein rechtsextremer Populist zum neuen Präsidenten Brasiliens gewählt. Unter dem Motto ‚Brasilien über alles, Gott über allen‘ versprach er in Zukunft für die Mehrheit der Brasilianer*innen zu regieren und nicht für die Minderheiten, wie es bis jetzt der Fall gewesen sei. Dabei werden unterschiedliche Gruppen, wie LGTB-Aktivist*innen, Feminist*innen und Sozialist*innen, immer wieder explizit in das Zentrum seiner Kritik gestellt. Diese müssten sich von nun an entweder der Mehrheit beugen oder sie würden aus dem Land verschwinden.

In der Präsentation wird dieses rechtspopulistische Nation–Building anhand von Reden, Werbespots und Infomaterial aus dem Präsidentschaftswahlkampf analysiert. Das Material wird dabei auf seine Ausschlüsse, Grenzziehungen und diskursiven Bezüge hin untersucht, sodass ein Bild der von Bolsonaro angestrebten Gesellschaftsordnung entsteht. Dabei wird auch immer wieder auf Differenzen und Gemeinsamkeiten zu rechten populistischen Bewegungen in Europa und den USA hingewiesen. Dies erlaubt ein differenzierteres Bild des globalen Rechtspopulismus zu zeichnen, die Entwicklungen in Brasilien auch in transnationale Zusammenhänge einzuordnen und eurozentristische Annahmen zu hinterfragen.

Video: Segregationstendenzen und soziale Folgen im Ruhrgebiet – Prof. Dr. Sören Petermann

Beschreibung

Das Ruhrgebiet hat einen Strukturwandel hinter sich, der in sozialer Hinsicht tiefgreifende Spuren hinterlassen hat. Die Spuren der Vergangenheit sind nicht nur als soziale, in den Raum eingeschriebene Strukturen der Gegenwart sichtbar, sondern wirken sich auf die Entwicklung der Lebenschancen zukünftiger Generationen aus.

Im Vortrag wird der Wandel als Veränderungen der Siedlungsmuster präsentiert, die mit sozialer, demographischer und ethnischer Segregation einhergehen und damit sozialräumliche Ungleichheit in verschiedenen Parametern anzeigt. Dieser anhand von Statistiken nachweisbare Wandel hat Auswirkungen auf das soziale Leben, auf Aspirationen und Lebenschancen der Menschen des Ruhrgebiets.

Anhand ausgewählter Beispiele aus dem Bereich Bildungs- und Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen und der Wohnsituation von Erwachsenen sollen die Lebensbedingungen und -chancen im Ruhrgebiet nachgezeichnet werden. Es wird aufgezeigt, in welchem Maße sich Segregationstendenzen und das Aufwachsen und Leben an einem Ruhrgebietsort auf Wohlbefinden und stärkende Faktoren von Kindern und Jugendlichen auswirkt oder welche Präferenzen, Wünsche und Erwartungen an die Bedingungen des Wohnumfeldes einhergehen. Dabei werden Ergebnisse studentischer Lehrforschungsprojekte einbezogen.

Video: Humandifferenzierung – Prof. Dr. Stefan Hirschauer

Beschreibung

Der Vortrag skizziert ein Forschungsprogramm zu einer Form kultureller Differenzierung, die Geschlechter unterscheidet, Altersgruppen und Leistungsklassen kategorisiert, Rassen klassifiziert, Ethnien und Religionen differenziert usw. Die Humandifferenzierung hat Besonderheiten gegenüber anderen Formen kultureller Differenzierung – etwa der von Lebewesen und Artefakten – und ist verknüpft mit bekannten Formen der Differenzierung der Gesellschaft (in Praxisfelder bzw. Teilsysteme) sowie in soziale Gebilde (wie Interaktionen, Gruppen, Netzwerke und Organisationen). Zum Aufbau der Humandifferenzierung gehören asymmetrische Unterscheidungen (wie Diskriminierungen, Stigmatisierungen und Distinktionen), aber auch die gleichmacherische Versämtlichung von Individuen und die Essentialisierung ihrer Eigenschaften in Diversitätsdiskursen.