Soziologie meets Wirtschaftswissenschaft

Interdisziplinärer Eindruck – Peter Ewert, M.Sc.

Frei nach unserem Motto „Grenzenlos leben – Interdisziplinär denken“ haben wir Nachwuchswissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen gebeten, mit uns ihre Gedanken und Eindrücke des Kongresses zu teilen. Peter Ewert ist Wirtschaftswissenschaftler und arbeitet am Centrum für Entrepreneurship und Transfer an der TU Dortmund.


Es könnte überraschen: Als „fachfremder“ Wirtschaftswissenschaftler habe ich am 7. Studentischen Soziologiekongress teilgenommen. Zwar würde ich meine wissenschaftlichen Interessen als durchaus vielseitig beschreiben, jedoch hat es mich als wissenschaftlicher Mitarbeiter bisher nur auf Konferenzen meiner eigenen Disziplinen verschlagen. Daher war ich gespannt, was mich erwartet. Bis dato hatte ich keine Vorstellung davon, wie invasiv die soziologische Forschung Prozesse, Strukturen und Kräfte von Gesellschaften [1] analysiert. Selten wurde mir die Notwendigkeit einer interdisziplinären Herangehensweise an gesellschaftliche Probleme so prägnant vor Augen geführt. Deswegen bin ich dankbar für die Gelegenheit, einige Eindrücke und Gedanken in Folge offenzulegen.

Vielseitigkeit der Soziologie

Ein Blick in das Programm des Kongresses offenbart: Die Forschung und Lehre der Soziologie ist vielseitig. Das mag zunächst wie eine Plattitüde klingen. Jedoch ist der Nachweis einer vielschichtigen „Erklärungskraft“ neben dem Nachweis guter wissenschaftlicher Arbeit in den Sozialwissenschaften wichtiger denn je. Diese Annahme gründet sich auf einer beunruhigenden Beobachtung: Besonders durch den Aufstieg sozialer Medien steigt die Popularität von „Ad-Hoc-Schlussfolgerungen“ in verschiedensten Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ich möchte behaupten, dass den daraus entstehenden schädlichen Einflüssen durch eine wissenschaftliche Aufklärung entgegengewirkt werden sollte [2]. Denn zu diesen schädlichen Einflüssen zähle ich fundamentale Probleme: Zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen, auch die Sozialwissenschaften, werden mit Vorwürfen konfrontiert, „unwissenschaftlich“ zu sein und Themen zu bearbeiten, die fernab von etwaigen relevanteren Problematiken zu verorten sind [3]. Durch eine vielseitige Reflektion und wissenschaftliche Aufarbeitung sowie eine Förderung der Sichtbarkeit von Ergebnissen, können solche Vorwürfe wohlmöglich entkräftet werden. Institutionen, wie der „Studentische Soziologiekongress“ leisten hierbei einen nicht zu unterschätzenden Beitrag.

Lasst euch nicht Verstauben

Dass auf dem 7. Studentischen Soziologiekongress vornehmlich studentische Arbeiten präsentiert wurden, ist aus zwei Gründen zu befürworten. Erstens tragen solche Präsentationen zu einer Konservierung von Wissen bei, das ohne eine solche Gelegenheit in Form von Seminar- oder Abschlussarbeiten in den Archiven von Universitäten „verstaubt“ und daher verloren geht. Zweitens ermöglichen solche Gelegenheiten eine frühzeitige Professionalisierung von wissenschaftlichen Präsentationen, die sich Studierende ansonsten, wenn überhaupt, nur unter „Laborbedingungen“ in Seminaren aneignen können. Insofern sehe ich die Präsentation wissenschaftlicher Ergebnisse und die kritische Auseinandersetzung mit einem öffentlichen Publikum als wertvollen Bestandteil einer akademischen Ausbildung.

Aufgrund der bereits angesprochenen Vielseitigkeit der Vorträge bzw. wissenschaftlichen Arbeiten, fällt es mir schwer, alle Aspekte zu erfassen, in denen ich einen persönlichen oder „beruflich-wissenschaftlichen“ Wert sehe. Dennoch möchte ich zumindest in knapper Weise auf zwei Vorträge eingehen.

Die vereinbarkeit von Familie und Beruf

Als Wirtschaftswissenschaftler werde ich regelmäßig mit der Problematik generischer ökonomischer Normative, wie dem Ziel der Gewinnmaximierung, konfrontiert. Es wäre vermessen, insbesondere die Betriebswirtschaftslehre, auf ein Mittel zum Zweck der Gewinnerzielung von Unternehmen zu reduzieren. Gesellschaftliche Forderungen nach ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit halten zunehmend Einzug, was sich sowohl in den Interessen der von mir betreuten Absolvent*innen als auch in der Forschung wiederspiegelt [4].

Einen Aspekt, der sich dem Bereich der sozialen Nachhaltigkeit von Unternehmen zuordnen lassen könnte, stellt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf dar. Hier hat der Vortrag „Vereinbarkeit von Beruf und Pflege/Familie – (k)ein Thema für Arbeitgeber?“ von Jonas Seidel angeknüpft und eine informative, empirisch geprägte Perspektive auf die Ansichten von Arbeitgeber*innen eröffnet. Demnach stellen Engagements zur besseren Vereinbarung von Familie und Beruf ein „Paradebeispiel“ dafür dar, wie sich primär ökonomische und soziale Ziele in Einklang bringen lassen. Eine entsprechende Praxis der Wahrnehmung unternehmerischer Verantwortung scheitere nicht am fehlenden Bewusstsein für die Probleme, sondern an fehlenden Anreizen zur Umsetzung von konkreten Maßnahmen.

Die Gestaltung von Anreizen, welche zu einer Umsetzung von wünschenswerten Maßnahmen führen, stellt ein Problem dar, das eine interdisziplinäre Auseinandersetzung erfordert. So ist einerseits eine soziologische Untersuchung von Anreizstrukturen nötig, um das Verhalten von Arbeitgeber*innen vor dem Hintergrund betrieblicher Strukturen zu verstehen und dadurch zugänglich zu machen. Andererseits erfordert die Implementierung von neuen Anreizstrukturen eine betriebswirtschaftliche Auseinandersetzung, z. B. mit den Sachzwängen und Ressourcen der jeweiligen Unternehmen.

Chancen von „open Science“

Von meinem Kollegium werde ich gelegentlich „belächelt“, wenn ich erkläre, dass ich beabsichtige, meine Dissertation als Monographie zu verfassen. Es ist kein Geheimnis, dass bei der Vergabe von Stellen in der Forschung, z. B. für Juniorprofessuren, ein besonderer Wert auf die „Publikationsstärke“ gelegt wird. Deswegen wird die Anfertigung einer kumulativen Dissertation, das heißt eine sukzessive Veröffentlichung von Ergebnissen in Fachzeitschriften, oftmals einer Monographie bevorzugt. Das muss per se kein Problem sein. Beide Wege zur Promotion haben ihre individuellen Vor- und Nachteile. Die Tendenz zur Quantität die, nicht zwangsweise, aber möglicherweise, zu Einbußen der Qualität von wissenschaftlichen Publikationen führt, sollte jedoch aufmerksam und kritisch verfolgt werden. Im Rahmen des Keynote-Vortrages „Brauchen wir Open Science in der Soziologie?“ von Nate Breznau wurden einige Aspekte thematisiert, die hierbei eine Rolle spielen. Doch zunächst einige vorauseilende Gedanken:

Die Publikationsstärke und Forschungsstärke von Wissenschaftler*innen, ihren Fakultäten, Instituten und Universitäten gelten als Qualitätsmerkmale. Dabei trifft jedoch die Erhebung dieser Qualitätsmerkmale und deren Ranking in regionalen oder fachspezifischen Kontexten in sogenannten Forschungsrankings, z. B. aufgrund methodischer Schwächen, nicht immer auf Zustimmung [5]. Akteure stehen daher wohlmöglich vor schwierigen Entscheidungen: Entweder wird die eigene Forschung und Lehre an den „starren“ Kriterien der jeweiligen Qualitätsverständnisse von Forschungsrankings ausgerichtet oder aber ein Ansatz verfolgt, der sich am individuellen Qualitätsverständnis der eigenen Institutionen orientiert. Da Forschungsrankings einen zunehmenden Einfluss auf die Vergabe von Fördermitteln bzw. Drittmitteln besitzen, wird die Entscheidung letztlich auch von ökonomischen Zwängen bestimmt werden.

Nun ist es eine spannende Frage, wie „Open Science“ dazu beitragen kann, Forschung „offen“ und transparent zu gestalten. So könnte eine Öffnung der eigenen Forschung für die Öffentlichkeit z. B. dazu beitragen, das durch die vorgenannten Tendenzen hervorgerufene „Statusstreben“ von Forscher*innen einzudämmen. Denn letzteres führte wohlmöglich in der Vergangenheit dazu, dass Forschungsergebnisse mit gefälschten Daten in Fachzeitschriften veröffentlicht wurden [6]. Während Open Science eine interessante Möglichkeit bietet, solche Fälle zu verhindern, denke ich, dass zunächst die grundsätzliche Diskussion über die Rollen der Publikationsstärke und Forschungsrankings weitergeführt werden muss. Denn die „egomanisch“ anmutende Bildung von „Zitierkartellen“ und Anhäufungen von Selbstzitationen sind, meines Eindrucks nach, vor allem einer zunehmenden Kommerzialisierung der Forschung geschuldet. Die Tendenz, notfalls gefälschte bzw. unwissenschaftliche Ergebnisse zu produzieren, die den Kanon der eigenen Forschungsgebiete bestärken, vermute ich eher als eine Folge dieser Kommerzialisierung. Eine fachspezifische Vorliebe der Forschung, sich selbst zu bestätigen, könnte jedoch auch auf anderen Aspekten der jeweiligen sozialen Strukturen beruhen.

Traut euch

Zuletzt würde ich gerne ausführlich auf meine weiteren persönlichen Eindrücke des Kongresses eingehen. Jedoch halte ich mich stattdessen lieber an einen Aufruf, den 8. Studentischen Soziologiekongress im Jahr 2021 zu besuchen, um sich selbst einen Eindruck zu verschaffen. Es wäre zu begrüßen, wenn sich mehr Menschen über Fächer-, Fakultäts- und Universitätsgrenzen hinweg austauschen würden. Sowohl darüber, welche Rolle die eigene Fachdisziplin in der Gesellschaft einnehmen soll als auch über die vielfältigen Möglichkeiten einer interdisziplinären Zusammenarbeit, die sich mir – vollkommen nach dem Leitgedanken „Grenzenlos leben – Interdisziplinär denken“ – in vielfacher Hinsicht offenbart haben.


Anmerkungen

[1] Die Untersuchung von Prozessen, Strukturen und Kräften, die individuelles Verhalten anleiten, kann als Berufung der Soziologie angesehen werden; vgl. Scott (2018); Durkheim (2008). Gleichwohl möchte ich mich nicht zu sehr an diese Definition klammern, zumal ich noch keinen Überblick zum fachlichen Kanon besitze.

[2] Dass allein eine „wissenschaftliche Aufklärung“ von Phänomenen – als eine Aufgabe, die vornehmlich von Wissenschaftler*innen wahrgenommen wird – nicht zum Erfolg führen kann, haben die jüngeren „Diskurse“ zum Thema „Klimawandel“ gezeigt. So reicht die Ablehnung wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse mitunter bis in hohe politische Ämter. Daher gilt es weitere gesellschaftliche Prozesse, als eine „hinreichende“ Bedingung, in Gang zu setzen, deren konkrete Gestalt zur Diskussion verbleibt.

[3] Vgl. Sennet (1994); Wagner (2019). Es handelt sich jedoch primär um einen persönlichen Eindruck, der sich nicht zuletzt durch die Beobachtung von Diskussionen in sozialen Medien manifestiert hat. Mit ähnlichen Vorwürfe einer „Unwissenschaftlichkeit“ werden auch andere sozialwissenschaftliche Disziplinen, so auch die „meiner“ Wirtschaftswissenschaften, konfrontiert.

[4] Inwiefern kapitalistisch geprägte Marktwirtschaften, in deren Domäne die moderne Betriebswirtschaftslehre hauptsächlich angesiedelt ist, trotz dem Verlangen verschiedener Stakeholder nach „Nachhaltigkeit“, in letzter Konsequenz zu verwerflichen gesellschaftlichen Zuständen führen (müssen), soll an dieser Stelle nicht thematisiert werden. Ein (ausbaufähiges) Problembewusstsein ist in den Wirtschaftswissenschaften durchaus vorhanden; Vgl. Reiter (2016); Fotaki/Prasad (2015); Balakrishnan/Duvall/Primeaux (2003); Netzwerk Plurale Ökonomik e.V. (2019).

[5] Speziell im soziologischen Kontext vgl. Witte (2012) und Deutsche Gesellschaft Für Soziologie (2012). Vgl. darüber hinaus z. B. Deutsche Gesellschaft Für Erziehungswissenschaft (2012); Müller (2010); Wohlrabe (2014).

[6] Lindsay/Boghossian/Pluckrose (2018).


Literaturverzeichnis

Balakrishnan/Duvall/Primeaux (2003)

Balakrishnan, U.; Duvall, T.; Primeaux, P.: Rewriting the bases of capitalism: reflexive modernity and ecological sustainability as the foundations of a new normative framework. In: Journal of Business Ethics, Jg. 47 (2003), Heft 4.

Deutsche Gesellschaft Für Erziehungswissenschaft (2012)

Deutsche Gesellschaft Für Erziehungswissenschaft: DGfE empfiehlt: Keine Beteiligung am CHE-Ranking. In: Erziehungswissenschaft, Jg. 23 (2012), Heft 45.

Deutsche Gesellschaft Für Soziologie (2012)

Deutsche Gesellschaft Für Soziologie: Scientific evaluation, yes – CHE ranking, no. In: Erziehungswissenschaft, Jg. 23 (2012), Heft 45.

Durkheim (2008)

Durkheim, É.: The rules of sociological method. 8. Aufl. New York 2008.

Fotaki/Prasad (2015)

Fotaki, M.; Prasad, A.: Questioning neoliberal capitalism and economic inequality in business schools. In: Academy of Management Learning and Education, Jg. 14 (2015), Heft 4.

Lindsay/Boghossian/Pluckrose (2018)

Lindsay, J.; Boghossian, P.; Pluckrose, H.: From dog rape to white men in chains: We fooled the biased academic left with fake studies, Online-Publikation im Internet unter der URLhttps://eu.usatoday.com/story/opinion/voices/2018/10/10/grievance-studies-academia-fake-feminist-hypatia-mein-kampf-racism-column/1575219002/“, Zugriff am 05.11.2019.

Müller (2010)

Müller, H.: Wie valide ist das Handelsblatt-BWL-Ranking? – Zeitschriften- und zitationsbasierte Personenrankings im Vergleich. In: BFuP, Jg. 62 (2010), Heft 2.

Netzwerk Plurale Ökonomik e.V. (2019)

Netzwerk Plurale Ökonomik e.V.: Ziele und Aktivitäten, Online-Publikation im Internet unter der URLhttps://www.plurale-oekonomik.de/das-netzwerk/ziele-und-aktivitaeten/“, Zugriff am 24.10.2019.

Reiter (2016)

Reiter, S. L.: Corporate Profit, Social Welfare, and the Logic of Capitalism. In: Business and Society Review, Jg. 121 (2016), Heft 3.

Scott (2018)

Scott, S.: A Sociology of Nothing: Understanding the Unmarked. In: Sociology, Jg. 52 (2018), Heft 1.

Sennet (1994)

Sennet, R.: Das Ende der Soziologie, Online-Publikation im Internet unter der URL„https://www.zeit.de/1994/40/das-ende-der-soziologie“, Zugriff am 24.10.2019.

Wagner (2019)

Wagner, G.: Ein Quexit in der Soziologie?, Online-Publikation im Internet unter der URLhttps://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/methodenstreit-in-der-deutschen-soziologie-16001226.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2“, Zugriff am 24.10.2019.

Witte (2012)

Witte, J.: Soziologen boykottieren CHE-Ranking. In: VDI NR. 27-28 VOM 06.07.2012 SEITE 27 (2012), S. 27.

Wohlrabe (2014)

Wohlrabe, K.: Eine Kritik des FAZ-Ökonomenrankings 2013. In: ifo Schnelldienst (2014), Heft 13, S. 63-67.

Video: Wie kommt die Vielfalt in die Stadt? Von Johanna Fleischer

Diese Masterarbeit ist eine vergleichende rekonstruktive Fallstudie über den Umgang sozialer Einrichtungen mit der Diversität in Berlin. Anhand zweier Einrichtungen in den Stadtteilen Kreuzberg und Steglitz zeichne ich die Wechselwirksamkeit zwischen der Gemeinwesenarbeit und den städtischen Räumen nach. Dabei kann ich zeigen, dass Haupt- und Ehrenamtliche sich und die Teilnehmer bewusst positionieren, um Räume zu gestalten und dabei Handlungsweisen folgen, die aus einer je eigenen Logik des Bezirks begründet werden.


(Wie) ist Inklusion im städtischen Raum möglich? Mit dieser Frage sehen sich öffentliche soziale Einrichtungen wie etwa Familienzentren oder nachbarschaftliche Begegnungsorte zunehmend konfrontiert. Auf der einen Seite erhöht sich durch gesellschaftliche Transformationsprozesse wie Individualisierung und Migration für sie der Druck, inklusiv und integrativ, kurz: für alle Menschen da zu sein. Auf der anderen Seite wirken lokale urbane Räume mit städtischen Selbstverständnissen auf die Ziele der Einrichtung zurück.

Das Ziel der Arbeit besteht darin, an zwei Fallbeispielen den Einfluss durch soziale Einrichtungen auf den städtischen Raum in Berlin zu untersuchen. Dies soll durch die Frage geschehen: Wie die Räume der Einrichtungen eine vielfältige Teilhabe ermöglichen und damit dazu beitragen, dass sich Bewohner*innen den städtischen Raum erschließen. Dazu strebe ich die Untersuchung eines Familienzentrums in Steglitz und eines Begegnungszentrum in Kreuzberg an. Diese werden in ihrer räumlichen Position mit Hilfe von Techniken des Urban Design kartiert, die nähere Umgebung sowie das Interieur werden fotografisch ausgewertet und die beteiligten Personengruppen interviewt. Mit der Raumsoziologie von Martina Löw werden die Daten ausgewertet.

Meine These lautet, dass soziale Einrichtungen eine wertvolle Rolle dabei spielen, die Bewohner*innen ihres Umfeldes in Beziehung zu setzen. Aber ebenso wie sie Bewohner*innen einbinden, ergeben sich auch Barrieren für andere. Die Einrichtungen nehmen häufig Bezug auf integrative oder inklusive Narrative, können den Ansprüchen aber nie vollständig gerecht werden. Dies wird in der Untersuchung kritisch betrachtet, da die Einrichtungen in ihrer Zielsetzung und räumlicher Konstitution oft sehr spezifisch angelegt sind. Damit wird eine allgemeine Ansprache der Anwohner*innen verhindert. Es soll gezeigt werden wie die Leitbilder der Organisationen an ihren Standorten spezielle Positionen beziehen und damit eine umfassende und vielfältige Teilnahme von Anwohner*innen anstreben und gleichsam verhindern. Außerdem wird gezeigt, wie dieses Handeln einerseits vom räumlichen Umfeld geprägt und andererseits in das räumliche Umfeld übertragen wird.

Video: Communitarianism: an analysis of local self-organization in context of weak statehood. By Anna Paula de Moraes Bennech & Matheus Jones Zago

The workshop “Communitarianism: an analysis of local self-organization in context of weak statehood” will debate local self–regulation in different countries, regimes and historical periods. The aim is to analyze the relationship between national and local state regulation and the self–regulatory capacity of local communities.

The main goal is to promote and encourage different research approaches and understanding about the concepts of weak statehood. In this sense, local self–regulation may provide a glance on new solutions to the drawbacks of individualism. Researchers and students from diverse areas of study are welcome, considering that interdisciplinarity is a strong asset to build creative, effective and new solutions.


Despite today’s widespread mobility and the possibilities of digital networking, human existence is still predominantly spatially situated. Wherever people share their living and living space, they create rules for living together. Even though individualism has apparently increased in the last decades as a social phenomenon, the individual experiences still substantially happen at one’s regular place of residence. Therefore, not only locality but also community matter.

Usually weak statehood occurs where the rule of a state does not threaten to collapse and is fundamentally stable, but it still cannot fulfill all the tasks that would follow its Western pattern. His assertiveness is restricted to a few areas, policies and social groups. The connection between space and community makes local the genuine place of collective self-organization, it is the place where the most independent regulations and regulatory patterns emerge. Hence, local self–organization forms a functional basicity of statehood and at the same time interacts with the forms of this statehood at higher levels.

The workshop aims to identify, describe and debate local self–regulation in different countries, regimes and historical periods. The goal is to analyze the relationship between national and local state regulation and the self–regulatory capacity of local communities. This analysis helps us to understand urban and municipal administration and other civil society forms of self–regulation. Furthermore, how local self–organization influences and is influenced by its interactions with the state level.

Methodologically, institutional theory and the governance approach allow the categorization of various forms of self–organization and the complementary analysis of formal and informal patterns. Historical institutionalism draws attention to the importance of power constellations for the formation and change of institutions – understood not only as state institutions but also as binding rules and social behavioral orientations. Sociological institutionalism has a broad understanding of institutions, that are not only irrevocable rules but also organizations, cultural patterns, symbols and cognitive frames. Both theoretical variants enable a systematically investigation of the characteristics and dynamics of social, economic and political regulatory patterns which constitute themselves informally.

Hereby, a research that allows a different approach and understanding about the concepts of weak statehood, its discoveries and local self–regulation may provide a glance on new solutions to the drawbacks of individualism. Researchers and students from diverse areas of study are welcome, considering that interdisciplinarity is a strong asset to build creative, effective and new solutions.

Video: Messung subtiler Diskriminierung – Ein Data Mining Ansatz zur Klassifikation von Textdaten. Von Pamina Noack

Minderheiten können sowohl offen als auch verdeckt diskriminiert werden. Gerade diese subtile Diskriminierung ist häufig kaum oder nur schwer messbar. Ich zeige Ansätze der subjektiven Messung und Text Mining Möglichkeiten, welche helfen können subtile Diskriminierung zu untersuchen.


Ethnische Diskriminierung ist eine große Herausforderung für die Integration von Migranten in Gesellschaften. Experimente sind ein Werkzeug in den Sozialwissenschaften um das Ausmaß an Diskriminierung zu messen. Die Messung kann einen großen Einfluss auf die Qualität der Ergebnisse nehmen. Im Bereich der Diskriminierung werden meist Correspondence Tests verwendet, welche eine objektive Messung der Rückmeldung von Arbeitgeber o.ä. nutzen. Da Diskriminierung jedoch immer mehr verdeckt stattfindet, deckt eine objektive Messung vermutlich nicht das ganze Ausmaß des Problems ab. Eine subjektive Messung kann hier helfen, subtile Diskriminierung zu messen, jedoch ist die Durchführung dieser Messungen häufig zeit- und kostenintensiv. Machine learning tools können eine große Hilfe bei diesen Messungen sein.

Ich benutze Daten aus einem Experiment (Schmaus & Kristen forthcoming), bei welchen Schauspieler bei Arbeitgeber*innen mit offenen Arbeitsstellen anrufen. Dabei werden drei Rollen benutzt: Typ 1 verwendet einen deutschen Namen und keinen Akzent, Typ 2 verwendet einen türkischen Namen und keinen Akzent und Typ 3 verwendet einen türkischen Namen und einen türkischen Akzent. Während des Gesprächs fragt die anrufende Person, ob die Stelle noch zu vergeben sei. In der traditionellen Messung wird die Rückmeldung auf diese Frage (negativ/positiv) verwendet. Mit Hilfe von mehreren Codern klassifiziere ich die Gespräche jedoch zusätzlich subjektiv. So hat man sowohl eine objektive, als auch eine subjektive Messung.

Mit diesen Messungen kann bestimmt werden, ob der Unterschied zwischen deutschen und türkischen Anrufer*innen bei der subjektiven Messung größer ausfällt, als bei der objektiven Messung. Dies würde auf subtile Diskriminierung hindeuten. Allgemein ist der Unterschied der beiden Messungen von Interesse. In den Daten zeigt sich, dass in 12% der Fälle eine Abweichung von objektiver und subjektiver Messung auftaucht. Das zeigt, dass es sinnvoll sein kann, eine subjektive Messung vorzunehmen.

Im nächsten Schritt interessiert mich, ob ein Algorithmus die subtilen Botschaften in der Sprache der Arbeitgeber*innen erkennen kann. Hierfür trainiere ich zunächst eine naïve Bayes Klassifikation mit einem Teil der Textdaten. Ein zweiter Ansatz basiert auf einem neuronalen Netz. Es zeigt sich, dass die Algorithmen in der Lage sind einen großen Teil der Daten zu klassifizieren. Dies könnte bei einer subtilen Messung Zeit und Aufwand sparen

Literatur

  • Schmaus, M. & C. Kristen, forthcoming: Foreign accents and the labor market prospects of immigrants– (why) do speech cues matter in hiring decisions?

Video: Alexa, Bedrohung der Lebenswelt? Von Niklas Strüver

„Der menschenwürdige Sinn des Computers wäre es, das Denken der Lebendigen so sehr zu entlasten, daß es Freiheit gewinnt“

Adorno 1995: 599f.
Anmerkungen zum philosophischen Denken, 1955

Dieser Beitrag soll aufzeigen, wie intelligente Sprachassistenten einen Einfluss auf das soziale Leben nehmen können. Verschiedenste alltägliche Bereiche bergen unterschiedliche Eigenlogiken und demnach mögliche Reibungspunkte mit der Technik. Diese Entwicklungen können schlussendlich vor dem Hintergrund der Herstellerfirmen der Geräte betrachtet werden.


Intelligent Personal Assistants (IPAs) wie Amazons Alexa, Apples Siri, Google Home etc. sind in den letzten zwei Jahren stark auf dem Vormarsch und halten (besonders in Amerika, nach und nach jedoch auch in Deutschland) Einzug in mehr Häuser. Mit ihren Kapazitäten einfache Aufgaben schnell zu erledigen stellen sie eine Form von Outsourcing dar, welches die Menschen davon befreien, soll „lästige“ Aufgaben zu erledigen und ihnen mehr Raum für die wichtigen Dinge im Leben geben soll.

Ich möchte argumentieren, dass die eingeschränkten Möglichkeiten der Kommunikation mit den IPAs (wie z.B. der Zwang des Imperativs), das Potential hat die sozialen Gefüge der Gesellschaft zu beeinflussen. Hierzu ist es nötig technischen Gegenständen eine Form von Agency anzuerkennen, die nicht vollständig auf die Handlung von Menschen reduziert werden kann. Hierzu möchte ich eine Kombination aus Akteur–Netzwerk–Theorie und Whites Theorie von Identität und Kontrolle zugrunde legen, aber im Vortrag nur kurz behandeln, da diese Betrachtungsweise nur ermöglichen soll den Einfluss von Technik auf die Gesellschaft zu beschreiben. Die angestrebte Analyse soll sich kritisch mit den Umgangsformen und deren Auswirkungen auseinandersetzen und mit Habermas Konzept von System- und Lebenswelt arbeiten. Es soll gezeigt werden, dass die IPAs zweckrationales Handeln zur Norm machen, obwohl in vielen Alltagssituationen (z.B. Kindeserziehung) ein lebensweltlicher Umgang angebracht wäre. Des Weiteren kann die Frage aufgeworfen werden, ob die Firmen im Silicon Valley für die Regulierung dieser Probleme verantwortlich sein sollten, oder ob hier anderweitiger Handlungsbedarf besteht. Wo sind die Stellen, an denen die Gesellschaft die Kontrolle über ihre Formierung an Firmen abgibt?

Video: Prokrastination. Subjektivierung. Affekt. Prokrastination aus individueller und gesellschaftlicher Perspektive vor dem Hintergrund der Subjektivierung von Arbeit. Von Diana Schieck

Dass nicht auf morgen verschoben werden sollte, was auch heute getan werden könnte, das weiß schon der Volksmund. Diese Mahnung wäre nicht so verbreitet, wenn nicht die Tendenz bestünde, es eben doch zu tun. Diese weitverbreitete menschliche Eigenheit avancierte zum psychologischen Fachbegriff: Prokrastination bezeichnet das unplanmäßige Aufschieben alltäglicher Aufgaben, welches im Übermaß mit einem subjektiven Leidensdruck einhergehen kann.


Als Gegenstand psychologischer Forschung ist Prokrastination ein recht junges Phänomen, das vormals eher in der Ratgeberliteratur behandelt wurde. Die akademische Psychologie nahm sich dem Thema erst in den 1980er Jahren an, wobei vor allem nach dem Zusammenhang mit bestimmten Eigenschaften der Persönlichkeit und der Aufgaben sowie motivationalen Bezügen der Handlungsplanung gefragt wurde.

Ziel des Forschungsprojektes ist es, eine interdisziplinäre Perspektive zu eröffnen, die zum einen psychoanalytisch–psychodynamische Aspekte (das subjektive Erleben) und zum anderen den gesellschaftlichen Kontext (die gesellschaftliche Bedeutung) von Prokrastination fokussiert. Die themenzentrierten Interviews stammen aus der Studie „Prokrastination. Psychoanalyse und gesellschaftlicher Kontext“, die an der International Psychoanalytic University Berlin von 2017–2018 unter der Leitung von Prof. Christine Kirchhoff durchgeführt wurden.

Die Betrachtung des Phänomens unter psychoanalytischen sowie soziologischen Perspektiven ermöglicht einen erkenntnistheoretisch fundierten Zugang zum Unbewussten der Prokrastination und ihrer latenten Bedeutung innerhalb des Individuums und der Gesellschaft.

Die Erläuterung der psychosozialen Bedeutung schafft schließlich die Verknüpfung von individuellen und gesellschaftlichen Aspekten der Prokrastination in Verbindung mit entgrenzter Erwerbsarbeit.

Video: Die ‚Kurdenkrawalle‘ 1993/1994 und der Erinnerungskonflikt um Halim Dener: Eine wissenssoziologische Diskursanalyse. Von Christian Hinrichs

Im Juli 1994 kam der kurdische Jugendliche Halim Dener, der mit Freunden gemeinsam Plakate für die Nationale Befreiungsfront Kurdistans (ERNK) in der hannoverschen Innenstadt klebte, im Zuge eines Polizeieinsatzes zu Tode. Daraufhin kam es zu einer öffentlichen Auseinandersetzung über die Todesumstände, den kurdisch-türkischen Konflikt an sich, der Verwicklung des deutschen Staates in diesem Konflikt und letztlich der Frage, ob und wie die Erinnerung Halim Dener im kollektiven Gedächtnis der Stadtgesellschaft zu verankert werden kann.


Bereits mit der Anwerbung der ersten Gastarbeiter*innen aus der Türkei (1963) hat sich – lange Zeit von der deutschen Gesellschaft kaum bemerkt – eine kurdische Diaspora in der Bundesrepublik entwickelt. In den 1990er Jahren eskalierte der Konflikt um die kurdische Frage in der Türkei abermals: Das Militär ging besonders gewalttätig gegen die kurdische Bevölkerung im Südosten der Türkei vor. Dieser Konflikt strahlte nach Europa aus und so kam es 1993/1994 zu den sog. Kurdenprotesten in Deutschland, worunter neben Demonstrationen auf der Straße und Besetzungsaktionen von Konsulaten/Botschaften gar Selbstverbrennungen in der Öffentlichkeit, wie im März 1994 in Mannheim. In diesem Zuge verbot die Bundesregierung im November 1993 die Kurdische Arbeiterpartei PKK.

Im Juli 1994 kam der kurdische Jugendliche Halim Dener, der mit Freunden gemeinsam Plakate für die Nationale Befreiungsfront Kurdistans (ERNK) in der hannoverschen Innenstadt plakatierte, im Zuge eines Polizeieinsatzes zu Tode. Daraufhin kam es zu einer öffentlichen Auseinandersetzung über die Todesumstände, den kurdisch-türkischen Konflikt an sich, der Verwicklung des deutschen Staates in diesem Konflikt und letztlich der Frage, ob und wie die Erinnerung Halim Deners in der Stadtgesellschaft zu verankern sei.

Der empirische Kern des Beitrags ist eine vergleichende wissenssoziologische Diskursanalyse der Presseberichterstattung zum Gedenken des, durch einen Polizeieinsatz 1994 in Hannover, zu Tode gekommenen kurdischen Jugendlichen Halim Dener. Dieses Thema stellt eine sozialwissenschaftlich bislang unbearbeitete Facette des türkischkurdischen Diasporakonfliktes in der Bundesrepublik Deutschland dar.

Video: Zwischen teilnehmender Beobachtung und beobachtender Teilnahme in einer lebensweltanalytischen Ethnographie zum Skateboarding. Von Pao Nowodworski.

„Na ja, aber am Ende musste das schon selber herausfinden. Einfach viel versuchen“

Dieser Hinweis eines Skaters, dem ich während meiner Feldforschung begegnet bin, beschreibt genau das, was die ethnographische Feldarbeit einer Lebensweltanalyse beansprucht: die existentielle Involviertheit der Forschenden. Jedoch liegt in dieser Forderung auch eine zentrale Herausforderung der explorativen Ethnographie: die methodischen Grenzen der teilnehmenden Beobachtung und der beobachtenden Teilnahme zu erkunden.


Anknüpfend an meine Masterarbeit zu Aneignungsprozessen durch Körperwissen beim Skateboarding möchte ich die (grenzüberschreitende) Forscherrolle von Ethnographen bzw. Ethnographinnen und die damit einhergehenden (methodischen) Herausforderungen der Feldarbeit anhand meiner Arbeit diskutieren.

Um die Aneignungsprozesse beim Skateboarding zu beleuchten, wurde die Methode der lebensweltanalytischen Ethnographie gewählt. Da sich hierbei der Forscher bzw. die Forscherin selbst in die zu erforschende Lebenswelt begibt und dabei die je typischen Praktiken durchführt und miterlebt, kann ein besonderer erlebnisfokussierter Einblick in das Feld erlangt werden. Jedoch, und hierbei handelt es sich um die besondere Herausforderung dieses Forschungsansatzes, gilt es diese typischen Praktiken und die damit verbundenen subjektiv empfundenen Besonderheiten mit den Typiken des Feldes abzugleichen. Das heißt, dass nicht alles, was der Forscher bzw. die Forscherin im Feld erlebt, zwangsläufig als allgemeingültig gelten kann. Ein ständiges Abtasten der Felddaten (z.B. Gespräche,Interviews, Zeitschriften o.ä.) mit den eigenen erhobenen Erlebnisdaten ist konstitutiv für diesen lebensweltanalytischen Forschungsstil.

Rekurrierend auf die Themensetzung des siebten studentischen Soziologiekongress wird im Vortrag die z.T. grenzüberschreitende Forscherrolle, die in einem ethnographisch angelegten Forschungsansatz Fragen nach der Beziehung zwischen Involviertsein und Außenperspektive aufwirft, behandelt. Exemplarisch soll dieses Spannungsverhältnis anhand der beobachtenden Teilnahme und der teilnehmenden Beobachtung dargelegt werden.

Ersteres fokussiert die Hingabe zum Feld in all seinen Facetten, wobei letzteres die Beobachtung des Feldgeschehens aus einer eher zurückgezogenen Perspektive betont. Jedoch, und vor diesem Dilemma stehen lebensweltanalytische Ethnographen bzw. Ethnographinnen, widersprechen sich Beobachtung und Teilnahme gegenseitig. Wie kann beispielsweise während einer komplizierten Durchführung eines skatespezifischen Tricks eine präzise Beobachtung des Forschers bzw. der Forscherin durchgeführt werden? Diese und andere kritische Fragen sollen im Vortrag diskutiert werden.

Video: Grenzenlos Solidarisch? Der Begriff der Solidarität in der radikalen Linken. Von Carla Scheytt

Der Vortrag widmet sich der Frage, wie Aktivist*innen in den sozialen Bewegungen der radikalen Linken Solidarität verstehen und welchen Einfluss diese Vorstellungen auf das aktivistische Tun haben. Dabei wird aufgezeigt, dass der Verweis auf Solidarität innerhalb der radikalen Linken sowohl eine exkludierende als auch inkludierende Funktion besitzt und somit stets Grenzziehungen mit dem Verweis auf Solidarität einhergehen.


„[…] so das ist irgendwie diese Utopie irgendwie ne? //mhm// so hey Grenzen sind eigentlich bescheuert so, warum können wir nicht einfach alle zusammen cool sein? […]“

Zitat Interview Antifaschistin

Solidarität ist in der (radikalen) Linken ein immer wieder benutzter Kampfbegriff (vgl. Bayertz, 1998). Auf Demonstrationen, Flugblättern und Reden wird Solidarität gefordert und fehlende Solidarität bemängelt. Dabei bleibt das konkrete Verständnis von Solidarität aber häufig unklar. Deshalb widme ich mich in meiner Masterarbeit der Forschungsfrage, wie Aktivist*innen in den sozialen Bewegungen der radikalen Linken Solidarität verstehen und welchen Einfluss diese Vorstellungen auf das aktivistische Tun haben. Für die Masterarbeit wurden qualitative leitfadengestützte Interviews mit Aktivist*innen aus dem radikalen linken Spektrum geführt (vgl. Helfferich, 2011), welche angelehnt an das kodierende Verfahren der Grounded Theory ausgewertet wurden (vgl. Strauss/Corbin, 1996). Im Rahmen eines Vortrags sollen vorläufige Ergebnisse der Forschungsarbeit vorgestellt und diskutiert werden.

Die soziale Bewegungsforschung geht davon aus, dass Solidarität ein konstitutiver Bestandteil von sozialen Bewegungen ist (vgl. della Porta/Diani, 1999). Das Vorhandensein von Solidarität wird dabei auch als ein Bestandteil zum Entstehen sogenannter kollektiver Identitäten gesehen. Als kollektive Identitäten werden geteilte Wahrnehmungen, Konzepte, Überzeugungen und Gefühle von Aktivist*innen angesehen. Durch kollektive Identitäten entsteht das Wir einer sozialen Bewegung und wird gleichzeitig von den Anderen getrennt (vgl. Rucht, 1995; Johnston, 2014; Flesher-Fominaya, 2010). Der Bildung von kollektiven Identitäten ist somit inhärent, dass es eine Grenzziehung zwischen den Aktivist*innen einer sozialen Bewegung einerseits, im Gegensatz zur restlichen Gesellschaft andererseits gibt. Die Auswertung der Interviews zeigt, dass der Verweis auf Solidarität bei dieser Grenzziehung für die Aktivist*innen bedeutsam ist. Es entsteht ein paradoxes Verständnis von Solidarität, indem Solidarität gleichzeitig eine inkludierende als auch eine exkludierende Funktion erhält:

Einerseits skizzieren die Aktivist*innen die Vorstellung einer utopischen „solidarischen Gesellschaft“, in der es keine Kategorisierungen und keine Grenzziehungen mehr zwischen Menschen geben soll. Es werden beispielsweise Wünsche nach einer Aufhebung von Nationalitäten oder von Geschlechtern angesprochen. Als Vorbild für eine solche Gesellschaft dient dabei häufig das Erleben in ihrer eigenen politischen Gruppe bzw. sozialen Bewegung, in denen sie Zusammenhalt spüren und gegenseitige Verbundenheit fühlen. Zugleich realisieren sie in ihren Gruppen ihre gemeinsame Utopie einer solidarischen Gesellschaft. Dies hat eine starke inkludierende Funktion: Die Vorstellung eines solidarischen Miteinanders prägt einen starken Gruppenzusammenhalt und eine hohe Identifikation mit der radikalen Linken, die als Wir verstanden wird. Andererseits ziehen die Aktivist*innen auch immer wieder Grenzen zu anderen Akteur*innen innerhalb ihrer sozialen Bewegung, bei der das fehlende „solidarische Handeln“ der Anderen als Rahmung dient. Es wird berichtet, wie einzelne Akteure aus den Gruppen bzw. Zusammenhängen ausgeschlossen werden, weil sie sich „unsolidarisch“ verhalten. Dies bezieht sich meist auf einen Bruch der Konventionen, die als „solidarisch“ verstanden werden (spontane Hilfe, Vertrauen, gegenseitige Anerkennung, Stillschweigen gegenüber Polizei und Sicherheitsbehörden, usw.).

In dem Vortrag soll dieses Spannungsverhältnis des Verständnisses von Solidarität das zentrale Thema sein. Die Inklusions- und Exklusionsprozesse und somit auch die Grenzziehungen werden anhand des erhobenen empirischen Materials dabei näher ausgeleuchtet.

Literatur

  • Bayertz, K. (1998). Begriff und Problem der Solidarität. In K. Bayertz, Hg., Solidarität: Begriff und Problem. Frankfurt: Suhrkamp., S. 11-53.
  • Della Porta, D. und Diani, M. (1999). Social movements: An introduction. Oxford: Blackwell.
  • Flesher Fominaya, C. (2010). Collective Identity in Social Movements: Central Concepts and Debates. Sociology Compass, 4(6), S. 393–404.
  • Helfferich, C. (2011). Die Qualität qualitativer Daten: Manual für die Durchführung qualitativer Interviews. 4. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Johnston, H. (2014). What is a Social Movement? Cambridge: Politiy Press.
  • Rucht, D. (1995). Kollektive Identität: Konzeptionelle Überlegungen zu einem Desiderat der Bewegungsforschung. Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 1, S. 9-23.
  • Strauss, A., und Corbin, J. (1996). Grounded theory: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz.

Video: Diltheys Begründung der Geisteswissenschaften auf einer Philosophie des Lebens. Von Emre Ünal

Betrachtungen zum Lebensbegriff, seiner Aktualität und Potentialität für eine interdisziplinäre Wissenschaft.


Matthias Jung schreibt in seiner Neuauflage (2014) zur Dilthey–Einführung, dass es „an der Zeit wäre, Dilthey aus den Schubladen herauszuholen, in die er in den ersten zwei Dritteln des zwanzigsten Jahrhunderts hineingesteckt wurde, [um] sich mit ihm kritisch, das heißt auf Augenhöhe der für uns aktuellen Fragestellungen auseinanderzusetzen, weil dies eine lohnenswerte Arbeit darstellen würde.“ Der Vortrag soll im Hinblick auf das Kongressthema ausgehend von Dilthey einen systematischen Blick auf den Lebensbegriff werfen, sowie den philosophischen Hintergrund thematisieren, welcher für die methodologische und erkenntnistheoretische Begründung der Geisteswissenschaften und ihrer gleichzeitigen Emanzipation zu den Naturwissenschaften entschieden wichtig war. Bezogen auf den Kongresstitel „Grenzenlos Leben?! Interdisziplinär denken“, soll der Fokus des Vortrags auf dem Lebensbegriff liegen, verbunden mit der Frage nach den Potentialen für eine interdisziplinäre Wissenschaft.

Dabei soll geschaut werden, inwiefern eine bestimmte (Denk–) Haltung für eine Verständigung innerhalb der Wissenschaften notwendig ist und wie damit auch disziplinäre Grenzen abgebaut, aber auch der eigene Horizont nicht nur erweitert, sondern auch bereichert werden kann. Der Blick auf das Leben soll von der Philosophie des Lebens her erfolgen, worin Dilthey einen wissenschaftlich–systematischen Lebensbegriff konzipiert, der in seiner bestimmt unbestimmten Definition eine große Weite des Denkens anbietet, die grenzenlos scheint und daher einiges ermöglicht. Der Begriff des Lebens bei Dilthey verbindet, verknüpft und bringt viele verschiedene Dinge zusammen, statt sich an Grenzen abzuarbeiten, die nicht per se da sein müssen, weil das Leben sich eigentlich nicht zerstückeln lässt. Die Möglichkeiten seines Lebensbegriffs, sowie sein Verständnis von der Geisteswissenschaft sollen von einer gegenwartsbezogenen wissenschaftlichen Praxis her verstanden werden, in der Interdisziplinarität an den Universitäten eine Forderung darstellt, die mittlerweile in keinem Projektantrag mehr fehlen darf. Was aber damit gemeint wird, wie wir dahin kommen und auch wie Interdisziplinarität gedacht wird, sowie welche Rolle überhaupt der Forscher oder die Forscherin dabei einnehmen, sollen zentrale Gegenstände der Betrachtung sein. Ein zentraler Gedanke bei Dilthey ist, dass das Denken nicht hinter das Leben gehen kann. Für eine interdisziplinäre Praxis ist daher eine Verständigung auf die Wissenschaft im Allgemeinen wichtig, die nicht im luft–leeren Raum stattfindet, sondern sich mit konkreten Inhalten des Lebens beschäftigt. Was aber kann eine Einzelwissenschaft allein leisten? Warum ist Interdisziplinarität sinnvoll und erstrebenswert, was erreichen wir damit und wie hängt das mit dem Leben zusammen? Welche Bereitschaft müssen wir zeigen, um diesen Anspruch nicht nur zu stellen, sondern auch gerecht zu werden? Wie lässt sich insgesamt voneinander lernen und ein gemeinsam geteilter Sinn für ein gemeinschaftliches Arbeiten entwickeln? Welche Rolle spielt dabei die Freiheit und wie hängt das Ganze eigentlich mit Bewusstsein und Denken zusammen?

Literatur

  • Albert, Karl (1995): Lebensphilosophie – Von den Anfängen bei Nietzsche bis zu ihrer Kritik bei Lukács, Karl Albert, Freiburg (Breisgau); München: Alber, Kolleg Philosophie, 1995.
  • Bollnow, Otto Friedrich (1967): Dilthey – Eine Einführung in seine Philosophie, 3. Auflage, W. Kohlkammer Verlag, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz.
  • Dilthey, Wilhelm (1958): Gesammelte Schriften – Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, VII. Band, 2. unveränderte Aufl., B.G. Teubner Verlagsgesellschaft, Stuttgart (S. 130-152; 205- 220).
  • Dilthey, Wilhelm (2008): Das Wesen der Philosophie – Neugesetzte Ausgabe für Matrix Verlag GmbH, Wiesbaden 2008, nach der Ausgabe Leipzig, 1924.
  • Elm.R., Köchy K., Meyer M. (Hg.) (1999): Hermeneutik des Lebens – Potenziale des Lebensbegriffs in der Krise der Moderne, Alber-Reihe Philosophie, Freiburg (Breisgau); München: Alber, 1999, (S.100-117).
  • Fellmann, Ferdinand (1993): Lebensphilosophie – Elemente einer Theorie der Selbsterfahrung, Originalsaugabe, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, März 1993, (S. 108-124).
  • Jung, Matthias (2014): Wilhelm Dilthey zur Einführung, 2. vollständig überarbeitete Auflage 2014, Junius Verlag GmbH, 1996.
  • Krüger, Annika (2007): Verstehen als Geschehen – Wissenschaftliche Zuständigkeitsbegrenzung und hermeneutische Erkenntnisweise – Wilhelm Diltheys und Hans-Georg Gadamers Versuch einer geisteswissenschaftlichen Emanzipation, 1. Auflage, Wehrhahn Verlag, Hannover-Laatzen, 2007.
  • Lessing, Hans-Ulrich (2011): Wilhelm Dilthey – Eine Einführung/UTB- Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln, Weimar, Wien, 2011.
  • Müller, Ernst/ Schmieder, Falko (2016): Begriffsgeschichte und historische Semantik – Ein Kompendium, 1. Auflage, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2016.
  • Rodi, Frithjof (2016): Diltheys Philosophie des Lebenszusammenhangs, Originalausgabe, Verlag Karl Alber, Freiburg/München, 2016.
  • Rodi, Frithjof (2003): Das strukturierte Ganze – Studien zum Werk von Wilhelm Dilthey, 1. Auflage, Vellbrück Wissenschaft, Weilerswist, 2003.
  • Straub, Jürgen (1999): Verstehen, Kritik, Anerkennung – Das Eigene und das Fremde in der Erkenntnisbildung interpretativer Wissenschaften, Essener Kulturwissenschaftliche Vorträge, Band 4, Wallstein Verlag, 1999.
  • Straub, Jürgen (1999): Handlung, Interpretation, Kritik – Grundzüge einer textwissenschaftlichen Handlungs- und Kulturpsychologie/Berlin; New York: de Gruyter, 1999.
  • Straub, Jürgen (2011): Interdisziplinarität Positionen und Perspektiven in der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum – Diskussionspapier aus der Fakultät für Sozialwissenschaft 11-1, Ruhr-Universität Bochum, 2011.