Video: Aktualisierung der Kategorie ‚Geistige Behinderung‘ im Feld der Leichten Sprache. Von Annelen Fritz

Im Vortrag wird „geistige Behinderung“ als sozial hergestellte Kategorie in den Blick genommen. Das Feld der „Leichten Sprache“ – ein Konzept barrierefreier Kommunikation – wird hierfür als Untersuchungsort gewählt. Die konkreten sprachlichen und performativen Praktiken der Herstellung von Leichter Sprache werden in den Blick genommen, um ausgehend davon auf abstraktere „Bilder“ geistiger Behinderung zu schließen, welche diesen Praktiken zugrunde liegen und auf welche im Feld zurückgegriffen wird.


„Leichte Sprache“ ist ein Konzept zur Vereinfachung von Sprache, das intendiert, barrierefreie Kommunikation zu ermöglichen. Hierzu wird ein Regelkatalog verwendet, der die Übersetzungsregeln von Standard- in Leichte Sprache festlegt.

Seine Ursprünge hat das Konzept der Leichten Sprache innerhalb der Selbstvertreter*innenbewegung von „Menschen mit Lernschwierigkeiten“, die gemeinhin als Menschen mit „geistiger Behinderung“ etikettiert und auch als deren primäre Anspruchsgruppe benannt werden.

Der alltagsweltlich verwendete Begriff der „geistigen Behinderung“ ist sehr unscharf, hat aber radikale Konsequenzen für die so bezeichneten Subjekte. Klassifikationen zur Diagnose variieren über Zeit und nationale Grenzen, sorgen aber recht zuverlässig für die Zuweisung der so Diagnostizierten in ein „Sondersystem“.

In meiner Arbeit, die im Rahmen meiner Masterarbeit an der Uni Heidelberg entsteht, schließe ich mich der Perspektive der interdisziplinär angelegten Disability Studies an, wonach es sich bei „Behinderung“ um eine sozial konstruierte Kategorie, ein Ergebnis sozialer und kultureller Ausschließungs-, Grenzziehungs- und Unterdrückungsmechanismen und eben nicht Ausdruck medizinischer Pathologie handelt (vgl. Waldschmidt 2005). Innerhalb den Disability Studies lässt sich ein Fokus auf die Herstellung von Behinderung in Bezug auf körperliche Normabweichungen feststellen, in meiner Masterarbeit möchte ich mich jedoch dem Phänomen der Herstellung von „geistiger Behinderung“ nähern.

Im Zentrum der Arbeit steht die Frage, welches „Bild“, welche latenten Vorstellungen im Feld der Leichten Sprache über die Zielgruppe der Menschen mit „geistiger Behinderung“ (re–)produziert werden, um Leichte Sprache für die Anspruchsgruppe machen zu können – einer Zielgruppe, die sich durch eine Kategorie manifestiert, die so unscharf ist, dass sie theoretisch nur wenig Orientierungswissen bieten kann. Welche Fähigkeitsgrenzen und Einschränkungen, welche Bedarfe und Interessen werden von den Übersetzenden implizit mitgedacht, wenn überlegt wird, welche Texte wie übersetzt werden sollen? Welche Merkmale werden für die Zuschreibung „geistig behindert“ relevant gemacht? Wie und wo werden die Grenzen dieser Kategorie gezogen? Um mich diesen Fragen anzunähern, möchte ich konkrete Praktiken der Herstellung von Leichter Sprache in den Blick nehmen und beschreiben, um ausgehend davon auf abstraktere „Bilder“ von Behinderung zu schließen, welche diesen Praktiken zugrunde liegen.

Mit praxistheoretischer Brille also soll der Fokus auf die Herstellung, Aufrechterhaltung, Irrelevantmachung und Ausfüllung der diffusen Kategorie „geistige Behinderung“ durch sprachliche und performative Praktiken gelegt werden. Dieser Vorgehensweise liegt die Annahme zugrunde, dass Praktiken implizites Wissen zugrunde liegt. Dieses implizite Wissen möchte ich explizit machen, um an ein tieferliegendes „Bild“ von geistiger Behinderung zu gelangen, auf welches im Feld der Leichten Sprache zurückgegriffen wird.

Video: Die Auswirkung von flexiblen Arbeitszeiten auf die Aufteilung der unbezahlten Arbeit in Paarbeziehungen. Von Tabea Naujoks.

Eine längsschnittliche Betrachtung der Aufteilung der unbezahlten Arbeit in Paaren vor und nach einem Wechsel von festen zu flexiblen Arbeitszeiten mittels der Daten des sozio-ökonomischen Panels (SOEP).


Flexible Arbeitsarrangements werden immer wieder als eine Möglichkeit zur Verbesserung der Vereinbarung von Beruf und Familie angeführt. Insbesondere flexible Arbeitszeiten können Paaren die Möglichkeit bieten die Aufteilung der unbezahlten Arbeit (wie Putzen, Einkaufen, Betreuung des Kindes, etc.) egalitärer zu organisieren: Angestellte können beispielsweise früher von der Arbeit gehen, um ihr Kind aus dem Kindergarten abzuholen.

Ebendiese neu gewonnene Freiheit durch zeitliche Flexibilität gibt Angestellten zwar die Möglichkeit Arbeit und Familie besser miteinander zu vereinen, lässt aber gleichzeitig auch die Grenzen zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit stärker verschwimmen. Darüberhinaus können neue Arten der Ungleichheit entstehen: Wer hat Zugang zu flexiblen Arbeitszeiten? Wie werden die flexiblen Arbeitszeiten verwendet und welche Auswirkungen haben diese auf der Paarebene? Obwohl das Thema „flexible Arbeitszeitarrangements“ großer Aufmerksamkeit von Seiten der Politik und Forschung erfährt, werden vor allem Effekt von flexiblen Arbeitszeiten auf die Leistungsfähigkeit der Angestellten, der Zufriedenheit oder den Gesundheitszustand der Angestellten betrachtet, jedoch wird das Thema Geschlecht weitestgehend unbeachtet gelassen. Wenn Geschlechterdifferenzen in der Nutzung und des Outputs von flexiblen Arbeitszeiten betrachtet werden, geschieht dies in der Regel auf der Individualebene und nicht auf einer Paarebene.

In meiner Präsentation möchte ich der Frage nachgehen, ob flexible Arbeitszeitarrangements zu einer geschlechtergerechteren Aufteilung der unbezahlten Arbeit in heterosexuellen Paaren in Deutschland führen. Da in Deutschland das Modell der männlichen Versorgerehe mit weiblicher Zuverdienerin weit verbreitet ist und sowohl Kinderbetreuung als auch Hausarbeit weitestgehend als weiblich konnotierte Arbeit angesehen wird, erwarte ich, dass vor allem Frauen die neu gewonnene Flexibilität nutzen, um die Sphären der Arbeit und Familie zu vereinen. Bei einem Wechsel der Partnerin von festen zu flexiblen Arbeitszeiten und gleichbleibenden Arbeitszeiten des Partners wird eine geschlechterungerechtere Aufteilung der unbezahlten Arbeit erwartet. Des Weiteren wird erwartet, dass Kinder den Effekt des Wechsels der Partnerin auf die Aufteilung der unbezahlten Arbeit verstärken. Wenn der Partner von festen zu flexiblen Arbeitszeiten wechselt und die Arbeitszeiten der Partnerin gleich bleiben, wird keine Änderung in der Aufteilung der unbezahlten Arbeit erwartet. Grund hierfür ist, dass der Mann als Hauptversorger seine neue Flexibilität in die Sphäre der Arbeit investiert und eben nicht in die Familie. Eine geeignete Datenbasis zur Analyse von Paaren im Längsschnitt bietet das sozio-ökonomische Panel. Mit Hilfe von Fixed Effects Regressionen wird der Effekt des Wechsels von festen zu flexiblen Arbeitszeiten auf die Aufteilung der unbezahlten Arbeit in Paaren analysiert.

Video: Hund, Katze und Co. – Eine audiovisuelle dekonstruktive Analyse illokationärer Praktiken auf Youtube. Von Jan-Hendrik Kötting

In diesem Beitrag geht es darum, wie neue Methoden der Sozialforschung im Zeitalter der Digitalisierung genutzt werden können um audiovisuelle Daten für sozialwissenschaftliche Forschung nutzbar machen zu können.


Die gesellschaftliche Bedeutung virtueller Realitäten hat in den letzten Jahren durch eine gesteigerte Form medialer Aufmerksamkeit, technischer Verfügbarkeit und globaler Vernetzung stark zugenommen. Neben mittlerweile klassischen textfokussierten Formen der Kommunikation über Social Media Plattformen wie Facebook und Twitter haben sich mittlerweile auch visuelle und audiovisuelle Applikationen eine treue Schar an Nutzer*innen erarbeitet.

Insbesondere Youtube hat durch die enorme Menge an verfügbaren und konsumierten Daten eine besondere Rolle in der subjektiven Konstruktion sozialer Wirklichkeit. Um diese Entwicklung zu untersuchen wenden wir dabei einen neuartigen, kombinierten Ansatz aus Web Scraping und quantitativer Textanalyse an. Hierfür nutzen wir den in Youtube implementierten speech-to-text Converter um präsentierte Inhalte für Natural Language Processing und Topic Modelling nutzbar zu machen.

Da dieser Beitrag einen starken Fokus auf die Methodologie legt, ist das Thema bewusst populärwissenschaftlich humorvoll geprägt und eher dazu ausgelegt die Nutzbarkeit für sozialwissenschaftliche Forschung herauszustellen. Hierzu betrachten wir die öffentlichen Selbstinszenierung der Interaktion von Mensch und Tier in diversen Videos und insbesondere deren sprachliche Darstellung.

Literatur und Referenzen

  • Berger, P. L., & Luckmann, T. (2005). Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit.
  • De Vries, E., Schoonvelde, M., & Schumacher, G. (2018). No longer lost in translation: Evidence that Google Translate works for comparative bag-of-words text applications. Political Analysis, 26(4), 417-430.
  • http://www.kittenwar.com/ (zuletzt besucht am 28.08.2019)
  • Kleinberg, B., Mozes, M., & van der Vegt, I. (2018). Identifying the sentiment styles of YouTube’s vloggers, EMNLP 2018 .
  • Knox, D., & Lucas, C. (2018). A dynamic model of speech for the social sciences. Working Paper.
  • Proksch, S. O., Wratil, C., & Wäckerle, J. (2019). Testing the validity of automatic speech recognition for political text analysis. Political Analysis, 27(3), 339-359.
  • Salganik, M. (2019). Bit by bit: Social research in the digital age. Princeton University Press.

Video: Grenzwanderung – Stay-at-Home Fathers als Blick an die Grenze und Erfindung des Möglichen. Von Aaron Korn

Ausgehend von Michel Foucaults Grenzhaltung wird der Frage nachgegangen, wie Caring Masculinities als kritische Kategorie betrachtet werden kann, die mögliche Transformationspotentiale innerhalb moderner Gesellschaften bietet. Verdeutlicht wird dieser Zusammenhang an empirischen Ergebnissen zu Stay-at-Home Dads, wie sie vor allem im nordamerikanischen Raum erforscht werden.


In gegenwärtigen geschlechter- und männlichkeitssoziologischen Debatten wird vermehrt der Begriff der Caring Masculinities aufgegriffen, dessen Besonderheit in den transformativen Potentialen für geltende Männlichkeitskonstruktionen liegt. Neben dem möglichen Wandel von Männlichkeit, verweisen jüngst Andreas Heilmann und Sylka Scholz (2017) auf die gesamtgesellschaftlichen Transformationspotentiale, die sich mit einer Abkehr der auf Wachstum, Leistung und Erwerbsarbeit zentrierten Männlichkeitssubjektivität einstellen könnten. Offen bleibt in den Debatten um Care und Männlichkeit, wie die postulierte Transformation stattfinden soll und welche Prozesse dafür relevant sind.

Der folgende Beitrag beschäftigt sich deshalb dezidiert mit der Frage des ‚Wie‘ der Transformation und schließt an die subjekttheoretischen Prämissen, wie sie bereits Scholz und Heilmann angedeutet haben, an. Auf theoretischer Ebene soll zunächst kurz erläutert werden, wie ein subversives Moment innerhalb der geltenden Subjektkonstitution denkbar wird. Ermöglicht wird dies über den von Michel Foucault (1990) identifizierten Ethos der Moderne, den er im spezifischen als „Grenzhaltung“ beschreibt. Transformation, so Foucault, ermögliche sich über die historische Analyse der geltenden Subjektkonstitution. Indem im Moment der Selbstreflexion die Grenze der eigenen Subjektivität erfahrbar werde, könne diese zum Aushandlungspunkt neuer Formen von Subjektivität gemacht werden.

Wie auf praktischer Ebene die Einnahme einer solchen Grenzhaltung aussehen könnte, lässt sich meines Erachtens anhand der alltagsweltlichen Erfahrungen von Stay-at-Home Fathers zeigen, wie sie mithilfe einschlägiger Studien seit den späten 2000er Jahren vor allem im nordamerikanischen Raum erforscht werden. Sie können als Blick an die Grenze männlicher Subjektivität identifiziert werden, da sie die enge Verknüpfung von Erwerbsarbeit und Männlichkeit, aber auch von Sorge und Weiblichkeit vehement hinterfragen und neue Spielräume von Männlichkeit erfinden, die durchaus weitreichendere gesellschaftliche Implikationen haben. Dabei geht es nicht darum Männlichkeit eine privilegierte Stellung in der Frage zur gesellschaftlichen Transformation zu gewähren, sondern den soziologischen Blick für die Grenzen gesellschaftlicher Lebensweisen und Subjektkonstitutionen zu sensibilisieren, von denen Stay-at-Home Fathers nur einen Teil darstellen.

Video: Totality revisited – Zur Aktualität eines klassischen Konzepts. Von Marian Nestroy

Beschreibung

Interdisziplinarität ist in aller Munde. Überall schießen Studiengänge und Institute aus dem Boden, die sich diesem Programm verpflichtet fühlen. Doch welche Interdisziplinarität hier genau gemeint ist, bleibt im Dunkeln. Zwar wird oft auf die Vorteile einer solchen Forschungsweise oder Ausbildung verwiesen, kann man so doch die Dinge von mehreren Seiten betrachten, aber eine zusammenhängende Erläuterung darüber findet man selten. So gesehen erscheint die gegenwärtige interdisziplinäre Forschung als reine Modeerscheinung, sie ist eher zufälliger Natur und weniger Produkt systematischer Überlegungen.

Ein Blick in die Geschichte sozialwissenschaftlicher Forschung belegt jedoch, dass auch schon zu früheren Zeitpunkten Interdisziplinarität in der Wissenschaft eine Rolle spielte. Erinnert sei hier natürlich an das Institut für Sozialforschung, welches von Max Horkheimer ab 1930 geleitet wurde. Auch er verweist in seiner bekannten Eröffnungsrede auf eine Konzeption der Forschung, die die Grenze der Einzelwissenschaften einzureißen hat. Jedoch wird gerade hier nicht ersichtlich, was genau darunter zu verstehen ist. Es kann aber aus den Texten der frühen Phase der kritischen Theorie ein besseres Bild zu dieser Frage abgeleitet werden. Diesen liegt unverkennbar die Auseinandersetzung mit Georg Lukács‘ Theorie der Verdinglichung zugrunde, welcher mit der Kategorie der konkreten Totalität die Erkenntnis des Ganzen im Sinne hatte, die letztlich zur Aufhebung der kapitalistischen Ordnung führen sollte. In diesem Wissenschaftsverständnis gibt es, so Lukács, genaugenommen gar keine Einzeldisziplinen mehr, wohl aber Einzelfragestellungen, die auf das Erfassen der Totalität gerichtet und selbst Teil des revolutionären Prozesses sind.

Was vielleicht auf den ersten Blick ein wenig angestaubt und behaftet mit vergangener Romantik erscheint, kann, so meine These, als einer der wichtigsten Beiträge zur aktuellen Situation der Sozialwissenschaften interpretiert werden. Dass dies keineswegs aus der Luft gegriffen ist, beweist Geoffroy de Lagasnerie mit seinem im letzten Jahr erschienenen Essay ‚Denken in einer schlechten Welt‘, in welchem er die Notwendigkeit eines Totalitätsbegriffes diskutiert. Hiermit kann kohärent eine interdisziplinäre Soziologie begründet werden, da wissenschaftliche Tätigkeit in ein immanent politisches Praxiskonzept eingelassen wird. Damit bekommt Wissenschaft einen kritischen Gehalt. Sie ist so nicht nur in der Lage auf ihre eigene soziale und politische Verflochtenheit zu reflektieren, sondern auch einen Beitrag dazu zu liefern, gesellschaftliche Verhältnisse über sich hinauszutreiben.

Literatur

  • Lagasnerie, Geoffroy de: Denken in einer schlechten Welt, Berlin, 2018.

Video: Anomische Einstellungen im sozialen Kontext – Sozialräumliche und sozio–ökonomische Ursachen sozialer Desintegration. Von Jonas Aljoscha Weik

Gegenstand des Vortrags ist die Untersuchung individuell erlebter sozialer Desintegration und deren sozialstruktureller und sozialräumlicher Ursachen. Hierfür werden empirische Ergebnisse analysiert, die mit ALLBUS-Daten erarbeitet wurden. Die Forschungsarbeit knüpft an Anomie–Theorien und Untersuchungen zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit an.


Der Vortrag stellt empirische Untersuchungen zu subjektiv empfundener sozialer Desintegration in der Bundesrepublik vor. Es wird analysiert inwiefern sozialstruktureIl ungleiche Lebenslagen Empfindungen sozialer Entfremdung und Normlosigkeit (anomische Einstellungen) Vorschub leisten und sich somit (neue) Grenzen durch die Bevölkerung ziehen. Mit einem Mikro–Makro–Modell wird untersucht, wie sich die individuelle sozialstrukturelle Position einer Person und Merkmale des sozialen Kontexts auf anomische Einstellungen des Individuums auswirken.

Die durchgeführten empirischen Untersuchungen greifen auf die theoretischen Überlegungen zu Anomie von Robert K. Merton (1957; 1964) und Leo Srole (1956) zurück und knüpfen an die umfangreichen Ergebnisse der Forschungsgruppe um Wilhelm Heitmeyer (2002-2012) an. Im Forschungsstand zeigt sich bislang, dass sozio–ökonomische Benachteiligung und relative Deprivation das Erleben von sozialer Desintegration bestärken. Uneindeutig ist jedoch, wie sich Merkmale des sozialen Kontexts, etwa die Arbeitslosigkeit in einer Gegend, auf anomische Einstellungen auswirken. Die durchgeführten Analysen beziehen daher Kontextebenen in die empirische Untersuchung mit ein und liefern umfassende Ergebnisse, die in dieser Form bislang im Forschungsstand fehlen.

Als methodisches Vorgehen wird ein quantitativ–empirischer Zugang gewählt. Auf Basis der Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) wurden multivariate OLS-Regressionen sowie Gruppenvergleiche zur Untersuchung der Einflüsse durch individuelle Merkmale und Merkmale sozialräumlicher Kontexte (Wohnumgebungen und Landkreise) durchgeführt.

Bisherige Ergebnisse konnten bestätigen, dass die Stärke anomischer Einstellungen in signifikantem Maße von niedrigem sozialem Status und insbesondere Deprivationserfahrungen beeinflusst wird. Darüber hinaus wird soziale Desintegration verstärkt in ökonomisch benachteiligten Umgebungen wahrgenommen, was eine Segregation von einzelnen Sozialräumen verdeutlicht. Ein neuer Befund stellt dar, dass Personen, die aufgrund ihres niedrigen Status in besonderer Diskrepanz zu ihrer statushohen Umgebung stehen, verstärkt soziale Entfremdung und Isolation erleben. Anhand der empirischen Ergebnisse lässt sich diskutieren, wieweit sich sozialstrukturelle Ungleichheiten zunehmend verräumlichen und ökonomische Grenzziehungen ein inklusives Zusammenleben in Frage stellen.

Literatur

  • Heitmeyer, W. (2002-2012). Deutsche Zustände. Folge 1 bis 10. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Hövermann, A. (2013). Anomia. Normlosigkeit und Vorurteile im lokalen Kontext. in: A. Grau & W. Heitmeyer, Hrsg., Menschenfeindlichkeit in Städten und Gemeinden, Weinheim, Basel: Beltz Juventa Verlag, S. 132–149.
  • Legge, S. (2010). Abweichendes Verhalten, Vorurteile und Diskriminierung. Zur theoretischen und empirischen Erklärungskraft ausgewählter Anomietheorie. Bielefeld: Universität Bielefeld.
  • Merton, R.K. (1995 [1957]). Soziologische Theorie und soziale Struktur. Berlin: De Gruyter.
  • Merton, R.K. (1964). Anomie, Anomia and Social Interaction. Contexts of deviant behavior. in: M.B. Clinard, Hrsg., Anomie and deviant behavior. A discussion and critique, New York: Free Press of Glencoe, S. 213–242.
  • Srole, L. (1956). Social Integration and Certain Corollaries. An Exploratory Study. American
    Sociological Review
    , 21(6), S. 709–716.

Video: Fachschaften als studentische Gewerkschaften: Ist studentische Partizipation überhaupt noch wichtig? Von Leonard Mach

Studentische Partizipation in Form von Fachschaften weist an Hochschulen hohe Ähnlichkeit zur klassischen partizipativen Repräsentationsarbeit wie der von Gewerkschaften auf. Dabei umschließen Aufgaben der Fachschaft die Repräsentation der Studierendenschaft bei der Auswahl von Lehrinhalten, bei der Berufung des Lehrkörpers und bei der Überprüfung der Forschung hinsichtlich ihrer ausschließlich zivilen Ziele. Trotz der gestiegenen Einflussmöglichkeiten auf akademische Prozesse und damit einer Festigung gewisser Machtposition innerhalb des akademischen Gefüges leiden viele studentische Vertretungs- und Beteiligungsgruppen unter einem Rücklauf an Mitgliedern; die klassische studentische, hochschulpolitische Partizipation nimmt ab.

Eine mögliche Erklärung hierfür ist ein zu wenig erkennbarer Einfluss. Das Ziel der, dem Vortrag zugrundeliegende Forschung war die Analyse der Arbeiten von Fachschaften innerhalb des akademischen Akkreditierungssystems und innerhalb Governance–Prozesse an Hochschulen. Es wurde die Frage debattiert, wie basisdemokratische Bewegungen innerhalb einer Institution auf ebendiese, trotz eines Abhängigkeitsverhältnisses, Einfluss üben können. Die grundlegenden Theorien hierfür sind zum einen die Identitätstheorie Peter Bergers und Thomas Luckmanns (1987) sowie das Mülleimermodell von Cohen, March und Olsen (1972).

Es stellt sich dabei heraus, dass sich zwischen Fachschaften und den verschiedenen universitären Institutionen Grenzen definieren lassen, die von Fachschaft zu Fachschaft und Universität zu Universität unterschiedlich sind. Entlang verschiedener Skalen, so meine Hypothese, lassen sich diese Unterschiede messen.

Literatur

  • Berger, P. and Luckmann, T. (1966). Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt am Main.
  • Cohen, M., March, J., Olsen, J., (1972). A Garbage Can Model of Organizational Choice. Administrative Science Quarterly, 17.

Video: Prävalenz weiblicher Genitalbeschneidung (FGC) in Ägypten – Mutter- und Tochtergeneration. Von Tanja Preböck

Die nachfolgende Analyse behandelt das Thema der weiblichen Genitalbeschneidung (FGM). Der Hauptfokus liegt hierbei auf Erklärungs- und Interventionsansätzen, sowie auf der Beschreibung soziodemographischer Merkmale. Betrachtet werden zudem Prävalenz, Einstellung und aktuelle Entwicklungen der Praxis in Ägypten, das aufgrund der sehr hohen Prävalenz (28 Too Many 2017) als Fallbeispiel gewählt wurde.
Als Fallbeispiel soll ferner auf das Land Ägypten eingegangen werden. Hier werden zentrale Kennzahlen, die dem DHS entnommen wurden für die Jahre 1995-2014 präsentiert und anschließend über den Zeitverlauf hinweg auf Veränderungen hin verglichen.


Der Vortrag behandelt das Thema der weiblichen Genitalbeschneidung (FGM). Der Hauptfokus liegt hierbei auf Erklärungs- und Interventionsansätzen, sowie auf der Beschreibung soziodemographischer Merkmale. Betrachtet werden zudem Prävalenz, Einstellung und aktuelle Entwicklungen der Praxis in Ägypten, das aufgrund der sehr hohen Prävalenz (28 Too Many 2017) als Fallbeispiel gewählt wurde.

Hierbei kann erwartet werden, dass sich innerhalb der Periode 1995-2014 die soziodemographischen Merkmale aufgrund von Bildungsexpansion und gesetzlichen Verboten (1997 und 2007) von FGM verändert haben. Dies könnte zu einer Veränderung in der Einstellung führen, was wiederum in einer Veränderung ihrer Prävalenz in der Töchtergeneration resultieren könnte. Das Thema ist soziologisch relevant, da hier eine irreversible Inkorporation patriarchalischer Gesellschaftsstrukturen in den Körper untergeordneter Mädchen vorgenommen wird, daher kann man hier auch von der Reproduktion sozialer Geschlechterungleichheitsstrukturen durch ein Schönheitsideal und eine Habitualisierung sprechen. Zunächst wird ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand gegeben. Anschließend werden die verwendeten Methoden vorgestellt. Daran schließt eine Präsentation der Ergebnisse an. Den Abschluss bilden ein Fazit und darauf aufbauend ein Ausblick.

Bezüglich des Forschungsstandes orientiere ich mich vor allem an Farina Asefaw (2007) (Ärztin), Paul Yoder (2013) (Sozialwissenschaftler), Kathryn Yount (2008) (Sozialdemographin), 28 Too Many (2018) (Menschenrechtsorganisation) und El Zanaty et al. (2015) (Demographic and Health Survey). Diese zeigen, dass es sich bei der FGM um eine soziokulturelle multikausale Praxis, die in den praktizierenden Gemeinschaften Normalität ist, handelt. Für die betroffenen Frauen ist sie mit Gesundheitsrisiken verbunden. In Ägypten sind etwa 90 Prozent der Frauen beschnitten. Vor allem seit Beginn der 2000er gibt es viele Interventionsversuche FGM zu reduzieren. Problematisch ist hierbei, dass die meisten Kampagnen nur medizinische Probleme fokussieren, weshalb diese als einzig Relevante wahrgenommen werden. Seit 2007 ist FGM in Ägypten gesetzlich komplett verboten, jedoch wird dieses Gesetz kaum verfolgt (vgl. 28 Too Many 2017). Wie schon El Zanaty et al. (2015) zeigen, sind in den DHS-Daten leicht abnehmende Zustimmungswerte zur Praxis festzustellen. Vor allem junge, gebildete und christliche Frauen hinterfragen dies. Allerdings ist der Schritt zwischen dem Hinterfragen der Praxis und dem, seine Tochter nicht beschneiden zu lassen, ein sehr schwieriger, da Mütter sich häufig zwischen ihrer eigenen und der Meinung der Gesellschaft gefangen fühlen. Um ihrer Tochter möglichst gute Zukunftschancen zu bieten beugen sie sich dem gesellschaftlichen Druck, auch wenn dies ihrer eigenen Meinung widerspricht (vgl. Asefaw 2007). Jedoch können die Anti-FGM-Kampagnen nicht als gänzlich einflusslos abgestempelt werden: durch sie rückt das medizinische Risiko der Praxis ins Bewusstsein der Mütter, weshalb der Eingriff immer häufiger im Krankenhaus, teilweise von Ärzt_innen, durchgeführt wird. Dieser Trend heißt Medikalisierung (vgl. Modrek 2016) und wird sehr kritisch betrachtet, denn anstatt die Gründe der Praxis zu hinterfragen wird diese nur (vermeintlich) risikoärmer.

Versucht man die Praxis der weiblichen Genitalbeschneidung theoretisch zu fassen, so eignet sich Norbert Elias‘ Theorie der Etablierten-Außenseiterbeziehungen (Rosa et al. 2013: 202-221). Hierbei wären alle Mädchen qua Geburt Außenseiterinnen. Durch den Vorgang der FGM erleben sie einen quasi irreversiblen Übergang zu den Etablierten, der Gemeinschaft von sittsamen, treuen und guten Frauen und Müttern. Die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe ist relativ überdauernd und bringt für die Frauen soziale Vorteile mit sich. Ein Rückgang in die Gruppe der Außenseiter ist nur durch Defibulation vor dem Ende der Reproduktiven Phase oder (zumindest ideell) durch Engagement gegen FGM möglich. Niemals sollten beschnittene Frauen dauerhaft in der Gruppe der Außenseiterinnen verbleiben.

Aufbauend auf Theorie und Forschungsstand untersuche ich die Thematik mit Hilfe des Demographic and Health Surveys (DHS) aus den Jahren 1995, 2002 und 2014. Die Stichprobe des Datensatzes setzt sich aus jemals verheirateten Frauen zwischen 15 und 49 Jahren zusammen. Zunächst werden soziokulturelle Merkmale betrachtet. Anschließend fokussiere ich mich auf ihre Einstellung zu FGM, ihre eigene Beschneidungshistorie und die der ersten Tochter, sowie der Zustimmung, dass FGM tödlich sein kann. Zunächst betrachte ich die Verteilung der soziodemographischen Merkmale der einzelnen Jahre und vergleiche anschließend die Zeitpunkte, um Veränderungen festzustellen. Im zweiten Schritt suche ich nach Prädiktoren für die Beschneidung der ersten Tochter, sowie die Einstellung der Mutter zu FGM. Hierzu verwende ich logistische multivariate Regressions-Modelle. Anschließend vergleiche ich meine Ergebnisse über die drei betrachteten Zeitpunkte hinweg.

Bei der Analyse zeigen sich vor allem die drei folgenden Dinge: Trotz zahlreicher und intensiver Anti-FGM-Kampagnen hat die Prävalenz der FGM in den betrachteten 20 Jahren kaum abgenommen. Während die meisten Beschneidungen im Datensatz von 1995 noch von Dayas (traditionelle Beschneiderinnen) durchgeführt wurden, wird diese Rolle 2014 von Ärzten eingenommen. Betrachtet man Interventionsansätze, die Praxis abzuschaffen, so ist der größte Schutzfaktor für ein Mädchen, wenn die eigene Mutter nicht beschnitten ist. Daraus lässt sich ableiten, wie auch Asefaw (2007) herausarbeitet, dass die bisherigen Interventionsansätze noch nicht stimmig genug mit der Lebensrealität in den praktizierenden Ländern sind. Auch die bereits diskutierte Medikalisierung der Praxis konnte mit dem DHS-Datensatz bestätigt werden.

Dies bedeutet, dass sich die Ausübung der Praxis in Ägypten verändert. Allerdings findet (noch) kein empirisch nachweisbarer gesellschaftlicher Wandel statt, der die zugrundeliegenden patriarchalen Strukturen offen kritisierbar macht. Dadurch können diese nicht nachhaltig geändert werden und die sozialen Auswirkungen, vor allem die geschlechtsspezifische Benachteiligung von Mädchen und Frauen bleibt bestehen. Um einen Wandel anzustoßen, wird von der Literatur einstimmig der folgende Interventionskanon genannt: Hier muss parallel eine bessere, auch sexuelle, Bildung von Mädchen erfolgen und die allgemeine Lebenssituation der Familien verbessert werden. Gleichzeitig muss weiterhin über die Praxis informiert werden, denn das Wissen und der daraus resultierende Umgang der Bevölkerung mit FGM ist noch nicht ausreichend. Für diese Sensibilisierung müssen in der Gemeinschaft hoch angesehene Multiplikatoren gewonnen werden. Diese Rolle könnten vor allem Imame oder Dayas ausüben. Dafür ist jedoch noch sehr viel Sensibilisierungsarbeit zu leisten. Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung legen dabei grundlegende Wirkungszusammenhänge dar, die in einer qualitativen Studie ergänzend noch feiner herausgearbeitet werden könnten.

Video: MachtKörperGesellschaft? Von Franziska Wiest und Ann-Kristin Kühnen

„Language matters. Discourse matters. Culture matters. […] the only things that doesn’t seem to matter anymore is matter.“

Karen Barad (2012): Posthumanist Performativity: Toward Un Understanding How Matter Comes To Matter, S.7.

Wenn wir uns als Cyborgs mit Technologien verbinden – wo endet dann der Körper? Welche Auswirkungen hat es für derzeitige Geschlechterverhältnisse, wenn Männer* durch Gebärmuttertransplantationen schwanger werden können? Wie kann Care–Arbeit in einer Welt mit Robotern aussehen? Wir wollen uns neo–materialistischen Ansätzen bedienen und versuchen die Grenzen von Diskurs und Materie zu verwischen, um neue Möglichkeiten auszuloten über Geschlecht, Race und Dis_ability nachzudenken.


Feministische Theorien, Rassismustheorien und Disability Studies, die Macht- und Herrschaftsverhältnisse in den Blick nehmen, bedienten sich in den letzten Jahren meist diskurs- und sprachtheoretischen Zugängen, welche die soziale Konstruktion von ‚gender‘, ‚race‘ und ‚dis_ability‘ offenlegten. Vergeschlechtlichte, rassifizierte und be_hinderte Körper rücken hierbei allerdings in ihrer Materialität und in ihrem Eigensinn in den Hintergrund. Während diese Theorieansätze maßgeblich dazu beitragen konnten, zahlreiche Dualismen (Mann/Frau, Schwarz/weiß etc.) und gedankliche Grenzen herauszufordern, bleibt eine erkenntnistheoretische Hierarchisierung unbeachtet: der Dualismus zwischen Diskurs und Materialität, Natur und Kultur. Wir fragen uns: Was ist mit leiblichen Prozessen und Emotionen – unseren Körpern, die schmerzen, wachsen, altern, bluten, sich unterschiedlich bewegen lassen und verschieden aussehen und sich auch manches Mal höchst widerspenstig gegen unsere Ratio zeigen? Wo enden unsere Körper und wie müssen wir sie in Bezug auf die Technologisierung unser Welt denken?
Diesen Fragen gehen neomaterialistische Theorien nach, die naturwissenschaftliche und technologische Durchkreuzungen sozialwissenschaftlicher Theorien vornehmen.

Wir wollen uns neo–materialistischen Ansätzen bedienen und versuchen die Grenzen von Diskurs und Materie zu verwischen, um neue Möglichkeiten auszuloten über Geschlecht, Race und Dis_ability nachzudenken. Wir wollen diskutieren, inwiefern interdisziplinäre Herangehensweisen notwendig sind, um einerseits in der sozialwissenschaftlichen Analyse und andererseits in der politischen Praxis Grenzen zu überwinden.

Video: Die Begegnung mit dem Fremden als religiöse Ressource. Dialog als institutionalisierte Außeralltäglichkeit. Von Philipp P. Jakobs

Beschreibung

Fremden Personen, Gruppen oder auch Situationen wird häufig eine „transzendente“ Qualität zugeschrieben, die in vielen Gesellschaften mit religiösen Vorstellungen und bestimmten religiösen Institutionen verbunden ist. Dies soll an einigen kurzen historischen und ethnologischen Skizzen illustriert und im Kontext religionssoziologischer Theoriebildung erklärt werden. Die Idee eines „Dialoges der Religionen“ und die dazugehörige „Theologie der Religionen“ soll als moderne Variante dieses Phänomens beschrieben werden.

In der Soziologie wird dem Fremden oft eine tragende Bedeutung zugemessen: er kann der Innovation überkommener Strukturen dienen oder der Konstitution persönlicher oder „partizipativer“ Identitäten (Hahn 1997). Wegen der ihnen zugeschriebenen „Objektivität“ und Unverbundenheit, wurden Fremde historisch aber auch oft zur Besetzung bestimmter gesellschaftlicher Positionen, die ein hohes Grad an Neutralität erfordern, eingesetzt – etwa als Richter oder Stadtherr, wie in einigen Städten des italienischen Mittelalters. Hierher gehört auch die Nutzung des Fremden als Quelle religiöser Potentiale. Dem Fremden haftet eine transzendente Qualität an, die nutzbar gemacht werden kann. Er stellt das „Außer-ordentliche“ dar, das, was die gewohnte Ordnung „übersteigt“.

Insofern kann die Möglichkeit, Fremdheit als spezifisch religiöse Ressource einzusetzen, als theoretisch vorgegeben betrachtet werden. Doch dient Theorie – aufgefasst im Sinne Max Webers – nur zur analytischen Durchdringung der historisch-konkreten Wirklichkeit. Dementsprechend lässt sich die begrifflich-theoretische Systematisierung des Fremden als Quelle religiöser Potentiale anhand historischer und ethnographischer Fälle konkretisieren.

Zum einen zeigt sich die „rituelle Potenz“ und die daraus sich ergebende rituell bedeutsame Stellung fremder Bevölkerungsgruppen in der sozialen Struktur vieler Völker, wie sie Victor Turner beispielsweise bei den Lunda und den von ihnen unterworfenen, autochthonen Mbwela beschrieben hat (Turner 1991). Auf einer gänzlich anderern Ebene zeigt sie sich aber auch in der „paradoxen Kommunikation“, die im Meister-Schüler-Gespräch im Zen-Buddhismus praktiziert wird (Fuchs 1989). Dieses kann als eine religiöse Technik interpretiert werden, die dadurch eine bestimmte Form „höheren“ Erlebens induzieren will, dass sie den Schüler in ein Gefühl von Fremdheit – im Sinne von „Anschlussunfähigkeit“ (Hellmann 1998) – versetzt. Schließlich zielt aber auch eine Strömung der christlichen Theologie auf die Nutzbarmachung der religiösen Potentiale des Fremden, die – um mit Schelsky zu sprechen – die religiöse Dauerreflexion durch Gespräch, genauer: Dialog, institutionalisieren will (Schelsky 1965). Hierbei wird systematisch der Austausch mit Angehörigen anderer Religionen angestrebt, mit dem Ziel und der Hoffnung, im Prozess des offenen Dialogs miteinander einen gemeinsamen Urgrund, eine „Religionsverbundenheit“ mit dem anderen zu erleben, die jenseits aller rationalen Kriterien liegt, dadurch aber zum „dialogisch-hermeneutischen Wagnis des Glaubens“ aufruft (Otte 2002).

Allen drei Beispielen ist gemein, dass sie von einer grundlegenden Differenz zweier eigenständiger Wirklichkeitsbereiche ausgehen, die man verallgemeinernd als „Struktur“ und „Strukturlosigkeit“ beschreiben könnte. Dabei scheint zum einen die strukturlose Seite eine sinnstiftende Funktion für die Struktur-Seite einzunehmen. Zum anderen ist es stets die Begegnung mit Fremdheit – sei es mit dem Fremden als Person oder dem Fremden als Erfahrungsqualität – die das Erleben des Strukturlosen, des die alltägliche Wirklichkeit transzendierenden herbeiführen soll. Geht man also davon aus, dass innerhalb der Dualität von Struktur und Strukturlosigkeit der Strukturlosigkeit eine essenzielle, meist religiös konnotierte Funktion zukommt, dann können die beschriebenen Institutionen (und zahlreiche weitere) als Formen der Nutzung des Fremden als religiöse Ressource im Sinne dieser Funktion verstanden werden. Die Soziologie des Fremden ließe sich somit in die allgemeine Religionssoziologie einordnen.

Literatur

  • Fuchs, P. (1989). Vom Zweitlosen: Paradoxe Kommunikation im Zen-Buddhismus. In: N. Luhmann und P. Fuchs, Reden und Schweigen, 1. Aufl., Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 46-69.
  • Hahn, A. (1997). „Partizpative“ Identitäten. In: H. Münkler und B. Ladwig, Hg., Furcht und Faszination. Facetten der Fremdheit, 1. Aufl. Berlin: Akademie Verlag, S. 115-158.
  • Hellmann, K.-U. (1998). Fremdheit als soziale Konstruktion. Eine Studie zur Systemtheorie des Fremden. In: H. Münkler, K. Meßlinger und B. Ladwig, Hg., Die Herausforderung durch das Fremde, 1. Aufl., Berlin: Akademie Verlag, S. 401-459.
  • Otte, K. (2002). Interreligiöser Dialog und Hermeneutik. Eine Hinführung zur Kommunikation zwischen den Religionen aus erlebter Praxis. Religionen im Gespräch, 7, S. 314-332.
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